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Politik

Ist Papst Franziskus der neue Reformator?

Mit der Wahl von Papst Franziskus ist in der katholischen Kirche einiges in Bewegung gekommen. Annette Schavan, deutsche Botschafterin im Vatikan, darüber, ob Franziskus in der Ökumene und der Frage der Frauen im Priesteramt neue Wege geht.

Frau Schavan, Papst Franziskus bringt einiges in Bewegung. Ist er der neue Reformator?
Für ein solches Fazit ist es zu früh. Seine Zeichen, Bilder und Worte sprechen jedoch dafür, dass er tief greifende Veränderungen für notwendig hält. Schon bei seiner Rede in der Vorkonklave hielt er der Kirche den Spiegel vor und prangerte theologischen Narzissmus an. Er hat von Anfang an deutlich gemacht, dass es eine konsequente, manche sagen, radikale Weiterentwicklung braucht.

Franziskus fordert: Beschäftigt euch nicht mit euch selbst.
Ja. Er ruft die Kirche dazu auf, sich um die Ränder zu kümmern. Kirche soll dort sein, wo Not und Elend besonders ausgeprägt sind. Mit seinen Auftritten bei den Menschen, die missachtet werden, holt er diese via Medien gleichsam in die Öffentlichkeit. Als Erstes besuchte er nach seiner Wahl die Flüchtlinge auf Lampedusa.

Ein solcher Papst stört. Lässt sich der Vatikan dies gefallen?
Manchen stört er gewiss. Doch wer etwas bewegen will, muss stören. Jene, die ihn gewählt haben, wussten, auf wen sie sich einlassen. Dem Kollegium der Kardinäle war bewusst, es ist höchste Zeit für Impulse in der Kirche. Franziskus trifft auf breite Zustimmung. Heute sagen die Leute eher, ich finde es gut, katholisch zu sein. Und viele Nichtkatholiken sagen, das ist auch mein Papst.

Erlebt die katholische Kirche einen Aufschwung?
Die Aufbruchstimmung ist nicht zu übersehen. 2016 kamen im Jahr der Barmherzigkeit zwanzig Millionen Pilger nach Rom. Erstaunlich ist, wie viele Politiker das Gespräch mit Papst Franziskus suchen. Er vermittelt in einer Welt, die so zerbrechlich wirkt, dass er wie ein Fels in der Brandung steht. Franziskus ist ein Papst, der nachhaltig ermutigt. Das wird die Christenheit verändern.

Franziskus hat den Lebensstil des Pontifex verändert. Der Papst lebt jetzt in einem Hotelzimmer.
Papst Franziskus bewohnt sicher mehrere Zimmer in einem Gästehaus gegenüber dem Petersdom. Man kann dies als Bescheidenheit deuten. Ich denke eher, dass die apostolischen Gemächer zwar wunderschön, aber zum Leben ungeeignet sind. In diesen Räumen ist man einsam. Die Besucher müssen sich durch viele Vorzimmer kämpfen. Im Gästehaus hat Papst Franziskus Menschen um sich und lebt in einer gewissen Normalität. Er hat sich dadurch ein Stück Freiheit geschaffen.

Bei seinen Auftritten schlägt der Papst einen neuen Ton an. Neulich setzte er beim Treffen mit der Lutherischen Kirche im schwedischen Lund Zeichen.
Ja, solche, die es bis anhin nicht gab. Schon äusserlich. Man darf die Wirkung der Bilder nicht unterschätzen: Da zieht der Papst gleichberechtigt mit den Vertretern des Lutherischen Weltbunds in die Kirche, und sie nehmen auf den gleichen Stühlen Platz. Und dann umarmt er eine Erzbischöfin. Diese Geste hat mich sehr bewegt. Diese Handlungen zeigen den grossen Respekt des Papstes vor seinen Partnern. Er will ihnen auf der gleichen Augenhöhe begegnen und sucht den ernsthaften Dialog.

Der Papst war beim Treffen beinahe schlichter angezogen als die Bischöfin.
Mag sein. Das sind klare Zeichen. Früher bestimmten das Protokoll und die Hierarchie, wer was trug und wer wo sass. Heute wirkt es gleichberechtigt und unaufgeregt.

Sind die Impulse von Papst Franziskus von Dauer?
Sie werden mit dem Ende seines Pontifikats nicht enden. Dafür wirken sie zu stark in die Welt hinein. Meine Frage lautet eher, lassen sich die Christinnen und Christen nachhaltig bewegen? Begreifen sie, was Papst Franziskus will?

Sie klingen skeptisch.
Er erwartet, dass wir glauben und nicht ständig alles erklären. Vielleicht werden wir in zehn Jahren sagen, das war der anspruchsvollste Papst, den wir je zu unseren Lebzeiten erlebt haben.

Wie meinen Sie das?
Theologie verbindet sich manchmal mit dem Anspruch, man könne alles erklären – und dann ist es erklärt. Doch die Frage ist, wie eng ich mich und wie eng sich die Kirche als Ganzes mit der Botschaft und der Nachfolge Christi verbinden, das ist ja eigentlich die Quintessenz.

Einer der brennenden Punkte ist die Stellung der Frauen. Wird dieser Papst die Gleichberechtigung voranbringen?
Die Frage ist zentraler als manche denken. Der Religionssoziologe José Casanova sagt, am gleichberechtigten Umgang von Männern und Frauen entscheidet sich die Zukunft der Religion. Der Papst weiss, wie heikel und drängend diese Frage in der katholischen Welt ist. Bei der Amtsfrage der Frauen scheint Franziskus ganz in der Tradition zu stehen. Skeptiker sagen: Vergesst es, der Mann ist Argentinier. Für ihn ist die Frage der Frauen im Priesteramt zweitrangig. Für mich ist es jedoch offen, wie er damit verfahren wird. Ich traue ihm vieles zu.

Ein anderer kritischer Punkt ist die Frage, wann Reformierte und Katholiken zusammen Abendmahl oder Eucharistie feiern können.
Ich erzähle Ihnen ein Erlebnis vom vorletzten November. Papst Franziskus besuchte die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom. Er schenkte dem Pfarrer einen Messkoffer. Diesen Koffer überreicht der Papst jeweils den Bischöfen beim Besuch der Diözesen. Später fragte ihn eine Frau, wann sie und ihr Mann, die in einer konfessionell gemischten Ehe leben, gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen können. Franziskus, der an der Seite der Kardinäle Kasper und Koch sass, antwortete: Das sei eine schwierige Frage und die Theologen seien mit ihrer Arbeit noch nicht fertig. Doch sie solle sich doch selber fragen, was richtig sei, und ihrem Gewissen folgen. Als Franziskus dem Pfarrer den Kelch reichte, drehte er sich zu dieser Frau um und zwinkerte ihr zu. Das sind aus­sergewöhnliche Zeichen und Bilder, die Bände sprechen.

Nimmt der Papst den Einzelnen in die Verantwortung?
Ich denke, der Papst möchte, dass wir und die Kirche erwachsen werden. Er will, dass wir die Fähigkeit, unser Gewissen zu prüfen und Entscheidungen zu fällen, ernster nehmen. Und nicht ständig darauf warten, was die Kurie und die Theologen entscheiden. Darüber spricht Franziskus oft. Da ist er ganz der Reformator.

Was hält Papst Franziskus vom deutschen Reformator Martin Luther?
Er findet, dass Luther die Kirche damals in einer Verfassung vorgefunden habe, die sich nicht sehen lassen konnte. Was Luther wollte, war richtig, so der Papst, nur seine Methoden seien falsch gewesen.

Frau Schavan, was bedeutet Ihnen Martin Luther?
Luther ist für mich ein eindrucksvolles Beispiel, wie jemand den Konflikt nicht gescheut hat. Luther gab nicht auf zu sagen: So, wie die Kirche jetzt agiert, darf es nicht weitergehen. Ich habe grossen Respekt vor Menschen, die nicht aufstecken und sich klar äussern.

Trotz Ökumene bestimmt immer noch die Kirchenspaltung das Verhältnis zwischen Katholiken und Evangelischen.
Nach fünfzig Jahren ökumenischer Bewegung, wird vieles einfach gelebt. Ein Konflikt ist kein Grund, es nicht zu tun. Es gibt eine starke ökumenische Realität. Die Christen müssen mit einer starken Stimme sprechen und dürfen die Welt nicht dauernd mit ihren Details belästigen. Das interessiert niemanden. In einer Welt, in der die Konflikte täglich zunehmen, müssen Christen zeigen, dass Religion nicht das Problem, sondern Teil der Lösung ist. Dazu braucht es mehr Gemeinsamkeiten.

Wie könnte dieses Verhältnis zwischen Reformierten und Katholiken aussehen?
Das alte Bild der versöhnten Verschiedenheit bietet ein gutes Fundament und einen guten theologischen Ansatz. Es erweckt nicht den Eindruck vollständiger Einigkeit, sondern zeigt, dass wir im gegenseitigen Respekt eine Form der Einheit schaffen können. Wir sollten damit nicht so lange warten, bis sich keiner mehr für die Kirchen interessiert.

Sie sind Mitglied der CDU. Braucht es heute noch christliche Parteien?
Es braucht vor allem Menschen, die sich in der Politik als Christen verstehen. Eine C-Partei hat darauf kein Monopol. Vor dreissig Jahren erklärte mir jemand, man könne nicht fromm und politisch sein. Ich war erschüttert. Die Verantwortung für das Politische gehört für mich zutiefst zu einer christlichen Existenz. Das Christentum ist möglicherweise die stärkste Kraft gegen alles Totalitäre und es steht für die Grösse des Menschen und seine Freiheit. Die Bibel macht den Menschen vor Gott nicht klein , sie richtet ihn auf. Heinrich Böll sagte: Mir ist die schlechteste christliche Welt lieber als die beste heidnische, weil in der christlichen Raum ist für Alte, Kranke und Vergessene, die Hilfe brauchen. Für die politische Kultur ist es gut, dass es Par­teien mit dem «C» im Namen gibt. Dann wird klar, wie sehr das, was ich gesagt habe, eine Quelle hat, zu der wir uns als Politikerinnen und Politiker bekennen.

Was ist für Sie die wichtigste christliche Tugend?
Die Barmherzigkeit und die damit verbundene Demut. Die Barmherzigkeit gegenüber dem Leben und dem, was mir in diesem Leben begegnet. Und Demut vor den oft komplizierten Zusammenhängen, die ich erlebe.


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