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Kultur

Wie Sakralbauten das Stadtbild prägen

Die Sichtbarkeit der Religionen in den Schweizer Städten hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert. Der Kunsthistoriker Johannes Stückelberger über Kirchen, Synagogen und Moscheen.

Herr Stückelberger, Sie haben in einer Studie die Entwicklung von Sakralbauten in Schweizer Städten untersucht. Welche Transformationen haben die Kirchen von 1850 bis 2015 durchlaufen, die sich auch auf das Stadtbild ausgewirkt haben?
Der Standort der Kirchen hat sich verändert. Im 19. Jahrhundert wurden Kirchen an städtebaulich wichtigen Plätzen oder Strassen gebaut, wo sie prominent in Erscheinung traten. Im 20. Jahrhundert wurden sie stärker in die Quartiere integriert. Das hat zur Folge, dass jüngere Kirchen im Städtebau weniger sichtbar sind. Ein extremes Beispiel ist die Lukaskirche in Basel. Sie ist in ein Mehrfamilienhaus integriert und von aussen als Kirche nicht erkennbar.

Gibt es weitere Veränderungen?
Im 19. Jahrhundert hat man vor allem in reformierten Städten Kapellen und Klöster, die seit der Reformation nicht mehr genutzt wurden, abgerissen. Das hat das Bild der Städte verändert. Kirchen wurden aber auch neuen Nutzungen zugeführt. So beherbergt etwa die Basler Barfüsserkirche seit über hundert Jahren das Historische Museum der Stadt.

Sie haben auch die Transformation anderer Sakralbauten untersucht. Wie haben sich Synagogen im Schweizer Stadtbild entwickelt?
Bis 1850 war das Erschenungsbild der Städte stark konfessionell. Mit der Einführung der Religionsfreiheit öffneten sich die Städte auch für andere Konfessionen. Die jüdischen Gemeinden beispielsweise erhielten im 19. Jahrhundert prominente Bauplätze für ihre Synagogen, sei es in Basel, Bern, Zürich oder Genf. Dass sie mit ihren Sakralbauten in den Städten erkennbar sein durften, ist Ausdruck ihrer Assimilation.

Welche Auswirkungen hatte der Zweite Weltkrieg auf den Bau der Synagogen?
Nach dem Krieg wurden insbesondere in Deutschland nicht mehr viele neue Synagogen gebaut. In jüngerer Zeit spielen sie im Städtebau wieder eine wichtigere Rolle. Ein Beispiel dafür ist eine 2010 neu eingeweihte Synagoge in Genf, ein anderes der Neubau einer Synagoge mitten in der Altstadt von München.

Sie haben auch die Entwicklung von Moscheen untersucht. Zu welchen Erkenntnissen kam da die Studie?
Sichtbare Moscheen mit Minarett gibt es in der Schweiz nur wenige, eine in Zürich, eine andere in Genf. Wenn Religionsgemeinschaften mit ihren Sakralbauten in der Öffentlichkeit nicht auffallen, ist dies ein Zeichen dafür, dass sie es vorziehen, öffentlich nicht in Erscheinung zu treten. Vielleicht, weil sie wissen, dass sie mit ihren Bauten anecken könnten. Die Unsichtbarkeit der Moscheen hat aber oft auch finanzielle Gründe; Immigrantengemeinden haben oft nicht genug Geld für Neubauten.

In Köln wird eine Zentralmoschee gebaut. Findet da ein Wandel statt?
Ich glaube ja. Dieser Bau ist ein Zeichen für ein neues Selbstbewusstsein der Muslime in dieser Stadt. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: In Hamburg kaufte eine muslimische Gemeinde eine Kirche und hat diese zu einer Moschee umgebaut. Mehr Sichtbarkeit für Muslime im Städtebau wird auch in der Schweiz zu einem Thema werden.

An der Tagung «Religiöse Räume im Wandel» an der Uni Bern gibt es auch Referate über Tempel und Pagoden oder über die hybride Nutzung von Kirchenräumen.
Im Forschungsprojekt haben wir uns auf Sakralbauten der abrahamitischen Religionen konzentriert. Sie sind aber nur ein Teil der städtischen Sakraltopographien. Die Situation heute ist viel bunter und vielfältiger. An der Tagung diskutieren wir diese neue Situation aus kunsthistorischer, städtebaulicher, religionswissenschaftlicher und theologischer Perspektive.

Was muss man sich unter Räumen hybrider Religionen vorstellen?
Darunter sind Räume zu verstehen, die sich verschiedenen Religionspraktiken öffnen. Viele Menschen gehören heute keiner Kirche mehr an, bezeichnen sich aber trotzdem als religiös. Sie besuchen in den Kirchen zwar nicht den Gottesdienst, suchen das Gotteshaus aber auf, um eine Kerze anzuzünden oder den Raum auf sich wirken zu lassen. Zu diesen Räumen zählen auch die multireligiösen Sakralräume oder Räume der Stille in Spitälern, Altersheimen und Flughäfen, aber auch die Bahhofkirche in Zürich, die allen Personen, gleich welcher Religion, offen stehen.

Nicola Mohler / reformiert. / 15. Februar 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Johannes Stückelberger
Der Kunsthistoriker ist seit 2010 Dozent für Religions- und Kirchenästhetik am Institut für Praktische Theologie an der Universität Bern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Kirchenbau, moderne Kunst und Religion sowie die Umnutzung von Kirchengebäuden.

Religiöse Räume im Wandel
Als Abschluss des SNF-Forschungsprojekts «Transformationen städtischer Sakraltopographien in der Schweiz 1850 – 2015» findet am 17./18. Februar 2017 an der Universität Bern die Tagung «Religiöse Räume im Wandel. Transformationen städtischer Sakraltopographien in der Schweiz heute» statt. Die Tagung ist öffentlich, die Teilnahme kostenlos. Anmeldung nicht erforderlich. Zum Programm