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Kultur

Die unsichtbaren Heldinnen der Reformation

Die Reformation wäre ohne Frauen eine andere gewesen. Viele Frauen, vor allem auch die Partnerinnen der Reformatoren, haben sie entscheidend geprägt. Doch ihr Einfluss erhält bis heute nicht genügend Beachtung.

Die Reformation wird dieses Jahr gefeiert, als 500 Jahre Freiheit, als ein dringend nötiger Aufbruch, ein Neubeginn. Im Zentrum dieser Feierlichkeiten stehen viele namhafte Persönlichkeiten, die in die Geschichtsbücher eingegangen sind, und unter ihnen, allen voran, Zwingli und Calvin, die zwei Grossfürsten der Reformation. Ihre Worte und Taten sind legendär. Die ihrer Gefährtinnen weniger. «Es sind sehr wenige Informationen über die Frauen der Reformatoren überliefert», sagt Sabine Scheuter, Pfarrerin und Mitherausgeberin des Buchs «Hör nicht auf zu singen – Zeuginnen der Schweizer Reformation». «Dabei ist klar: Viele der Frauen waren den Männern wichtige Gesprächspartnerinnen und haben gedanklich und sprachlich an der Arbeit ihrer Männer mitgewirkt.» Das sehe man beispielsweise am Briefwechsel von Luther und seiner Frau Katharina von Bora. Dabei ist aber nur überliefert, was Luther auf Papier brachte – die Briefe seiner Frau empfand die Nachwelt damals als nicht aufbewahrungswürdig.

«Ausdruck des Patriarchalen»

Diese Quellenlage sei für sich wieder «Ausdruck des Patriarchalen», sagt Christoph Sigrist, Pfarrer am Zürcher Grossmünster und Botschafter des Reformationsjubiläums. «Es ist bezeichnend für die damalige Zeit, dass die Frauen kein Podium hatten und deshalb auch kaum etwas von ihnen überliefert ist.» Die Gedanken von Frauen, so Sigrist, seien oft sehr klar da gewesen, seien aber häufig nur über «das Sprachrohr der Männer kommuniziert» worden. Dabei stellt Sigrist fest: «Ohne Catherine von Zimmern wäre es für Zwingli schwierig gewesen, seine Arbeit und seine Ideen so durchzuziehen.» Frauen wie Idelette de Bure, Katharina Schütz Zell, Wibrandis Rosenblatt oder Margarete Blarer hatten einen wesentlichen Anteil an der Reformation – entweder über eigene Gedanken, Ideen und Schriften, oder als Partnerinnen der Männer, indem sie ihren Gatten den Rücken freihielten. «Wie hätten die Reformatoren sonst die vielen Gäste in ihren Häusern beherbergen können?», fragt Dorothea Forster, Präsidentin des Dachverbands «Evangelische Frauen Schweiz» (EFS). Hinter jedem erfolgreichen Mann stehe eine starke Frau, auch damals.

Kein Platz für Frauen

Es sei nicht richtig, dass auch heute noch in erster Linie die Männer im Zentrum der Debatte stünden – deshalb engagiere sich der Dachverband EFS für «ein ganzheitliches Bild» der Reformation. Im Rahmen der diesjährigen Jubiläums-Feierlichkeiten hat das zumindest ein paar erste Früchte getragen: Kirchgemeinden nehmen die Frauen der Reformatoren in ihr Programm auf, in Filmen kommen auch die Frauen vor und mit Catherine McMillan wurde auf eine Frau als Jubiläums-Botschafterin gesetzt. Doch ihr Mitbotschafter, Pfarrer Sigrist, hält fest: «Trotz den ausgezeichneten Arbeiten der Botschafterinnen sowie den wichtigen Hinweisen auf die Zeuginnen der Reformation kann man mit dem Stellenwert der Frau innerhalb dieser Feierlichkeiten nicht zufrieden sein.» In einer ersten Planungsphase sah der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) kein Projekt zum Thema Frauen und Reformation vor. Der EFS monierte das und suchte das Gespräch. Aber ohne Erfolg. «Es wurde zu wenig unternommen», sagt Forster. Dabei müssten Frauen klar ihren Platz in dieser Geschichte haben.

Freiheiten und Fesseln

Dabei war der Moment der Reformation einer der Freiheiten für alle, erinnert Scheuter: «Die Reformation hat der Frau neue Wege eröffnet, sich zu bilden und sich einzumischen.» Und sich vor allem ihre eigenen Gedanken zur Bibelauslegung und zur Gottesbeziehung zu machen. Das habe den Frauen mehr Selbstbewusstsein gegeben und Vorbilder generiert. «Das war ein wichtiger erster Schritt, auch wenn das öffentliche Reden und Schreiben den Frauen bald wieder verboten wurde.» Die Reformation habe den Frauen aber nicht nur einen Hauch Freiheit in die Stuben geweht, sondern ihnen auch neue Fesseln auferlegt, da sie als einzigen Lebensentwurf für Frauen das Dasein als Hausfrau und Mutter, unter Vormundschaft des Mannes, vorsah.

Die Kirche sei immer auch ein Abbild der Gesellschaft, und diese sei noch immer mancherorts sexistisch und halte Frauen klein, anstatt ihnen in den obersten Gremien Platz zu schaffen, sagt Pfarrer Sigrist. «Die Trilogie Geld – Macht – Mann dominiert noch immer. Das Frauenbild ist heute immer noch erstaunlich stark angelehnt an das Frauenbild zu Zeiten der Reformation.» Frauen hätten die Reformation nicht nur mitgeprägt, sondern auch mitinitiiert. Doch wie es damals war, ist es auch heute noch oft und überall, insbesondere in der Diakonie: Die Männer entscheiden, die Frauen dienen.

 

Anna Miller / Kirchenbote / 28. Februar 2017

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».