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Spiritualität

Allein für alle

Nikodem Röösli musste über 50 Jahre warten, bis er Einsiedler werden durfte. In der Kapuzinergemeinschaft hat er alles für seine Berufung gelernt. Aber lange währte sein Alleinsein nicht.

35 Jahre lang stellte er sie, diese eine Frage, einmal im Jahr, mit einer ruhigen Gleichmässigkeit, stetig, klar. Und 34 Jahre lang hörte Nikodem Röösli, Bruder im Kapuzinerorden, 77 Jahre alt, ein lautes, klares Nein seiner Oberen, Nein zu seinem Leben als Eremit. Seit 1960 lebt Röösli im Kloster, 22-jährig ist er eingetreten, nach dem Kollegi in Stans zog es ihn in die Gemeinschaft, als Bauernsohn aus Heiligenkreuz. Und immer wieder holten ihn seine Brüder in ihre Mitte und als helfende Kraft, sie wollten ihn nicht entbehren. «Es gab immer eine Aufgabe», sagt dieser warme, ruhige Mann, der mit Zottelbart und Lachfalten, in seiner Kutte im Obergeschoss des Bahnhofs Luzern sitzt und seinen Tee trinkt, zwischen all den Pendlern, und so gar nicht fremd wirkt, in dieser Welt.

Röösli wurde also Seelsorger in einem Bildungshaus, er war Mitglied im Haus der Stille. Er dachte an seine Ideen und Träume zurück, die er in seiner Jugend hatte, vom Rückzug in die Stille, seine verrückte Idee, ein Kloster zu gründen, in dem alles aus Nylon war, eine Suche nach Stille und Anderssein. «Aber ich hatte keine klare Berufung», sagt er, eher eine Neigung zum Eremitsein und «diese Sehnsucht nach Gottnähe», und irgendwie wollte ihm niemand das Eremitsein schenken, so ist das Ordensleben, ein Dienst an der Gemeinschaft, und alles hat seine Zeit.

Neigung und Eignung
Sein Wunsch blieb ein Wunsch, über all die Jahre, und er sagte sich: «Wenn du hier bleiben willst, in diesem Orden, in diesem Leben, dann musst zu jetzt packen, was deins ist, einwilligen», einen inneren Gehorsam entwickeln. Wenn einer nicht in einem Orden leben kann, dann darf man ihn auch nicht Einsiedler werden lassen. Und so schulte ihn der Orden in Menschennähe und Gottesnähe, so lange, bis die Aufgabe des Eremits ihm ganz passte. Und Röösli fügte sich, 34 Jahre lang. Und plötzlich kam das Ja.

Er habe nie zu sich finden wollen, solche romantischen Ideen gab es für ihn nicht, er nannte es «Gott besser kennenlernen», und leben in Frieden, Einfachheit und Armut, eine Neigung, ein inneres Gefühl. «Man muss eine Neigung haben, zum Alleinsein, und eine Eignung», sagt Röösli, im Grunde sei es doch wie mit jedem anderen Beruf auch. Jeder, der zu einem Einsiedler komme, habe ein Problem, das ins Leben eingebettet ist, allein sei ein Eremit nie. «Alleinsein heisst nicht mit keinem, sondern mit allen, und mit allem eins.» Zwei Stationen als Eremit durfte er leben, im Tschüschi ob Schwyz und im Gubel ob Menzingen, bis 2014, knapp zehn Jahre, bevor sie ihn wieder in die Gemeinschaft zurückriefen. Er hat die Menschen empfangen, ihnen zugehört, ihnen Trost gespendet. Er hat seine Wäsche gewaschen, gekocht und sich schlafen gelegt, er hat als Spiritual zu den Gubelschwestern geschaut. Er hat Gruppen in die Wüste begleitet, Ikonen gemalt und Sakraltanz betrieben. Er hat alles, was er in diesen 35 Jahren gelebt und gelernt hat, für seine eigentliche Berufung gebraucht.

Im Grunde sei er eine armselige Figur, «einer, der nichts wirklich gut kann», sagt Röösli und lacht heiter, aber vielleicht könne er in seiner Schwachheit Grosses bewirken. Manchmal packt sie ihn noch, die Wehmut, dieser Abschnitt, der war und jetzt nicht mehr ist. Alle Einzelposten der Kapuziner in der Schweiz wurden aufgehoben, jetzt gibt es offiziell keine Einsiedler mehr. Ausser Nikodem Röösli, der ist im Herzen noch immer einer und wird es wohl auch immer bleiben.

Anna Miller, 30.3.17