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«Wir spüren die Folgen neoliberaler Gehirnwäsche»

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30.04.2017
Am 1. Mai gehen wieder viele Arbeitnehmende auf die Strasse. Sie fürchten um ihre Stellen, um Lohn und Rente. Martin Dürr kennt diese Sorgen. Als Industrie- und Wirtschaftspfarrer kämpft er für eine solidarische Gesellschaft und setzt sich dafür ein, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber einander vertrauen.

Herr Dürr, gehen Sie an den 1. Mai-Umzug?
Ich gehe wie jedes Jahr ans Fest auf dem Barfüsserplatz in Basel. Meine Anwesenheit dort wird geschätzt. An den Umzug gehe ich nicht, da dies nicht meiner Rolle im Industriepfarramt entspricht. Wir sind für Arbeitgebende genauso Ansprechpartner wie für Arbeitnehmende.

Als Industriepfarrer kennen Sie die Nöte der Angestellten. Wie gross ist die Angst?
Die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt wegen Digitalisierung, Robotik und den Folgen der Globalisierung sind immens – und wir stehen erst am Anfang. Das beschäftigt alle. Angst ist aber bekanntlich ein schlechter Ratgeber.

Die Angst scheint aber berechtigt. Die grössten Schweizer börsenkotierten Konzerne haben 2016 ihre Belegschaft hierzulande reduziert. Auffallend: Die Firmen haben überdurchschnittlich oft Schweizer Angestellte abgebaut und gleichzeitig mehr Ausländer angestellt. Das zeigt eine Umfrage der SRF-Wirtschaftsredaktion. Was lässt sich gegen diese Entwicklung tun?
Wir brauchen dringend Investitionen in Bildung und Weiterbildung, zugeschnitten auf jede Lebensphase. Wir müssen Ideen entwickeln, wie wir ältere Arbeitnehmende mit ihrem Know-how einsetzen können. Es braucht funktionierende Ideen, wie junge Menschen sich einbringen können auf dem Arbeitsmarkt. Das setzt aber auch den Willen zu Leistung voraus. Auf der anderen Seite braucht es Unternehmen, die nicht nur den Quartalsabschluss und Aktienkurse im Auge haben. Dazu ist die Finanzwirtschaft völlig aus dem Lot. Selbst ein FDP-Bundesrat ermahnt inzwischen eine Grossbank, weil sie absurde Boni auszahlt.

Theologen wie Leonhard Ragaz und Karl Barth haben sich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts für die Arbeiterschaft eingesetzt. Wo bleibt heute die Stimme der Kirche?
Leonhard Ragaz und Karl Barth waren auch zu einer Zeit, in der die Kirche noch grössere Bedeutung hatte in der Gesellschaft, einzigartige Stimmen. Nicht wenige ihrer Anliegen – und übrigens auch Forderungen der Gewerkschaften – sind umgesetzt. Heute werden nicht mehr «die Arbeiter» von «den Unternehmern» ausgenutzt, heute beuten wir uns alle selbst aus. Dazu kommt eine beispiellose Entsolidarisierung in der Gesellschaft, Folge von Jahrzehnten neoliberaler Gehirnwäsche. Viele fragen nur noch: «Was bringt mir das?» Wir als Kirche müssen zeigen, was erfülltes Leben bedeutet. Die Menschen müssen das wieder erleben, wenn sie mit uns in Kontakt kommen.

Und das Industriepfarramt kann dabei helfen?
Ich habe gerade zum zweiten Mal mit der arb Angestelltenvereinigung Region Basel einen Weiterbildungstag für Personalvertretende aus Firmen in der Region durchgeführt. Mit dabei waren Vertretende aus Geschäftsleitungen grosser Firmen, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaftsbund. Dies ist nur möglich, weil wir vorher schon sehr viel Energie und Zeit in Vertrauens- und Beziehungsarbeit investierten. Alle Seiten müssen zuerst erkennen können, dass wir sie als Menschen ernst nehmen, bevor wir auch kritische Fragen stellen.

Diese Beziehungsarbeit scheint aber an Bedeutung zu verlieren. Sie sind einer der letzten Industriepfarrer der Schweiz.
Ich bin – mit meiner katholischen Kollegin Béatrice Bowald – der einzige, zumindest mit diesem umfassenden Auftrag. Vielleicht bin ich auch der letzte, wenn das Pfarramt nicht mehr finanziert werden kann. Damit würde die Kirche eine der wichtigsten Schnittstellen zur Welt ausserhalb der Kirchenmauern verlieren. Die während vielen Jahren aufgebauten Netzwerke würden sterben. Diese Aussicht beunruhigt inzwischen auch Menschen in der Wirtschaft, weil nicht sichtbar ist, wer diesen Brückenschlag sonst glaubwürdig anbieten kann.

Karin Müller / Kirchenbote / 30. April 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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