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Gesellschaft

«Auch Tiere haben eine Seele»

Ethiker Christoph Ammann über Würste, Fleischeslust und Nächstenliebe zu den Tieren.

Herr Ammann, wie oft haben Sie in diesem Jahr eine Wurst auf den Grill gelegt?

In diesem Sommer nur drei Mal. Vegetarische Würste auf Sojabasis.

Sie essen kein Fleisch?

Nein, ich ernähre mich seit 15 Jahren vegetarisch. Das war ein bewusster Entscheid. Ich verzichte auf Fleisch aus Respekt vor dem Tier, das ja in jedem Fall getötet werden muss, um gegessen zu werden.

Sie sind Sozialethiker und Theologe. Verbietet die Bibel das Essen von Fleisch?

Nein, in der Bibel ist Fleisch essen nicht verboten. Ich persönlich finde auch nicht, dass man das Essen von Fleisch grundsätzlich verteufeln sollte. Aber zur christlichen Lebensweise gehört eine Sensibilität. Ich denke da an Dankbarkeit und Achtung den Tieren gegenüber. Das Minimum ist, dass einem nicht egal ist, wie das Tier, das man isst, gelebt hat. Diese Denkweise schliesst schon mal viele Produkte aus der aktuellen Fleischproduktion aus.

Gilt die christliche Nächstenliebe auch für Tiere?

Ja, denn die Liebe sollte die Grundeinstellung von Christen gegenüber all unseren Mitgeschöpfen sein. Verzicht auf tierische Produkte kann Ausdruck dieser Liebe sein. Man muss aber auch sagen: Für uns in den westlichen Industrienationen ist es einfach, auf Fleisch und tierische Erzeugnisse zu verzichten. Es gibt aber Weltgegenden, wo ein Leben ohne Viehzucht im Moment schwer vorstellbar ist.

Als Gott im Altem Testament die Welt schuf, sagte er, dass die Menschen über die Tiere herrschen sollten. Legitimiert dies unseren Umgang mit den Tieren?

Nein, ganz und gar nicht. Sicher dient das manchmal als Rechtfertigung, um Tiere zu unterjochen oder auszunutzen. Der biblische Herrschaftsauftrag ist aber sicher nicht als Blankoscheck gemeint. Uns Menschen ist eine spezifische Verantwortung zugesprochen worden. Wir sollen für die Tiere sorgen. Wir sind Mandatare Gottes, und dieses Mandat lautet, Verantwortung für die Tiere zu übernehmen.

Wie sieht diese Verantwortung aus?

Allgemein gesagt ist diese Verantwortung jene, dass wir uns gegenüber den Tieren so verhalten sollen, wie sich Gott uns gegenüber verhält. Das bedeutet, Liebe und Fürsorge zu üben und unsere Macht nicht auszunutzen, sondern sie vielmehr in den Dienst der Tiere zu stellen. Im Einzelnen muss man unsere verschiedenen Beziehungen zu den Tieren unterscheiden. Gegenüber wilden Tieren haben wir eine ganz andere Verantwortung als unseren Haustieren gegenüber. Die Wildtiere sollten wir in Ruhe lassen und ihre Lebensräume nicht zerstören. Bei Haustieren steht die Fürsorge im Zentrum. Es ist unsere Aufgabe, sie zu füttern, zu versorgen und sie zu pflegen.

Müsste die Kirche mehr für die Tiere tun?

Ja, die Kirche tut eindeutig zu wenig für die Tiere. Ich habe das nie verstanden. Viele Christen setzen sich aktiv für Umweltanliegen ein. Geht es aber nicht um die Umwelt allgemein, sondern um Tiere, hört das Engagement plötzlich auf. Generell fällt auf, wie wenig sich die Kirche als Fürsprecherin für die Tiere einsetzt. Das zeigt sich etwa daran, dass es häufig an kirchlichen Anlässen nur Fleischgerichte gibt.

Warum ist das so?

Vielleicht meinen viele Christinnen und Christen, Ethik habe in erster Linie mit dem Menschen zu tun, sich für Tiere einzusetzen, sei ein moralischer Luxus. Als würde der Respekt vor dem Menschen mit dem Respekt vor den Tieren in Konkurrenz stehen. Deutlich wird das bei den Kollekten, da kommen so gut wie nie Tieranliegen vor. Das ist sehr schade. Gerade die Kirche hätte die Möglichkeit zu sagen, wir setzen uns von der übrigen Welt ab und setzen ein Zeichen für die Tiere als unsere Mitgeschöpfe und damit gleichzeitig auch für den Umweltschutz. Es gab und gibt christlich motivierten Tierschutz in Europa, der sich aus Mitleid und Barmherzigkeit gegenüber Tieren speist. Das ist aber die Ausnahme.

Wie steht es um die Tierwürde?

Da müssen wir zwischen zwei Fragen unterscheiden: Haben Tiere eine Würde? Und wird sie geachtet? Würde bedeutet, dass Tiere als eigenständige Wesen respektiert werden, die von sich her ethische Ansprüche an uns stellen. Dass sie einen Wert haben, der über unsere Freude an Haustieren und über unser Nutzungsinteresse an Nutztieren hinausgeht. Ich würde also sagen: Tiere haben eine Würde, aber sie wird vielerorts nicht geachtet.

Haben Tiere dieselben Rechte wie wir?

Nein, denn viele Menschenrechte würden bei Tieren keinen Sinn machen. Recht auf Urlaub zum Beispiel. Aber es gibt sicher gute Gründe, darüber nachzudenken, ob bestimmte Tiere auch Grundrechte erhalten sollten. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit zum Beispiel oder das Recht auf Leben. Man muss dann allerdings auch sagen, was ein solches Recht genau einschliesst und wer dadurch in die Pflicht genommen wird.

Haben Tiere eine Seele?

Auch hier muss man genau wissen, was mit dem Wort Seele gemeint ist. Laut Bibel ist der Mensch nicht in einen sterblichen und einen unsterblichen Teil aufgeteilt. Die Unsterblichkeit der Seele ist keine biblische Vorstellung. Versteht man aber die Seele als spezielles Wahrnehmungsorgan, die eine besondere Art der Verletzbarkeit verleiht, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass nur Menschen eine Seele besitzen und Tiere nicht. Wenn man jemanden schlägt, hinterlässt das auch seelische Wunden. Das wird beim Menschen besonders deutlich, aber diese emotionale Empfänglichkeit ist auch bei vielen Tieren vorhanden. Genauso wie Angst oder Zuneigung.

Stichwort Zuneigung. Wo ist die Grenze zwischen Tierliebe und Tierwahn?

Sicher gibt es krankhafte Formen der Tierliebe. Eine solche liegt vor, wo ausgeblendet wird, dass das Gegenüber kein Mensch ist, sondern ein spezifisches Wesen mit eigenen Bedürfnissen. Gerade im Haustierbereich steht es vielerorts nicht zum Besten mit dem Tierwohl. Wenn Leute zum Beispiel ihr Tier immer weiter operieren und behandeln lassen, obwohl es nur noch leidet. Zur pathologischen Form der Tierliebe gehört sicher auch die Vermenschlichung der Tiere. Die riesige Maschinerie der Tierindustrie vom Tierfutter über Schönheitswettbewerbe bis zur Tierbekleidung. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die völlige Bezugslosigkeit zum Tier. Jemand macht eine Auslandsreise und möchte sein Haustier deswegen einschläfern lassen. Da gibt es alle Formen der Extreme: von der völligen Beziehungslosigkeit bis hin zum Blindwerden für das Tier aufgrund einer zu starker Bindung an das Tier.

Was beinhaltet denn eine gesunde Tierliebe?

Den Blick für das Tier nicht zu verlieren. Und für die artspezifischen Bedürfnisse des Tieres.

Halten Sie selber Haustiere?

Ja, wir haben Rennmäuse. Es ist spannend zu beobachten, wie sie ihre Gänge bauen. Aber zum Kuscheln eignen sie sich nicht.

Hinduisten glauben an die Wiedergeburt. Als welches Tier möchten Sie wiedergeboren werden?

Ich habe eine Sympathie für Katzen wegen ihrer störrischen Eigenständigkeit. Gleichzeitig hätte ich aber auch nichts dagegen, ein Wanderfalke zu sein. Obwohl das natürlich Raubtiere sind. Aber als Falke würde mich das nicht so gross stören. Da würde ich mich wahrscheinlich weniger um die Nächstenliebe kümmern.

Interview: Adriana Schneider, Kirchenbote, 22.8.2017