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Religionen

«Der Westen soll nicht wegschauen»

Muslimische Rohingya flüchten zu Zehntausenden aus dem buddhistisch dominierten Burma nach Bangladesch. Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker kennt die Hintergründe.

Herr Delius, die muslimische Minderheit Rohingya wird zu Zehntausenden von Burma nach Bangladesch vertrieben. Warum?
Dahinter verbirgt sich vor allem ein Machtkampf zwischen der De-facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi und der Armee. Das Militär möchte beweisen: Die Regierung darf mit der Demokratisierung nicht zu weit gehen.  Ohne Militär geht es nicht. Deshalb werden die Rohingya zu Terroristen stigmatisiert.

Aber Rebellen, die Arakan Rohingya Salvation Army, haben Polizeistationen angegriffen.
Das Gebiet ist derzeit für internationale Beobachter  unzugänglich, um Nahrichten zu verifizieren. Natürlich gab es Angriffe, und es ist legitim, polizeilich gegen die Täter vorzugehen. Aber man kann nicht die ganze Bevölkerung unter Generalverdacht stellen und wahllos eine Gewaltorgie gegen sie entfesseln. Verschiedene UN-Berichte zur Menschenrechtslage in Burma stellen fest, dass die Rohingya zu der am meisten verfolgten Minderheit der Welt gehören.

In der westlichen Öffentlichkeit ist der Name des Volkes der Rohingya erst in den letzten Tagen bekannt geworden.
Leider ging dies auch vielen westlichen Politikern so. Wir von der Gesellschaft der bedrohten Völker haben die Politiker hier immer wieder gewarnt: Nehmt euch des Problems der Rohingya an. Sie sind für die Islamische Liga und für die muslimische Welt seit Jahren das Paradebeispiel, wie die Menschenrechte mit Füssen getreten werden.

Und Sie unterstützen dieses Anliegen?
Zugegeben: Das ist eine merkwürdige Allianz – an der Seite von Erdogan für die Rechte der Rohingya zu kämpfen. Aber uns hindert dies keineswegs daran, von Erdogan zu fordern, auch den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen, wenn er im Fall der Rohingya das Wort Genozid verwendet. Wir setzen uns auch für die Rechte der türkischen Kurden ein.

Die muslimische Welt übt sich in Solidarität mit den Rohingya. Aber das islamisch geprägte Bangladesch verbannt sie auf eine unbewohnte Insel im Ganges-Delta, die weder über sauberes Wasser noch eine intakte Infrastruktur verfügt, um auch nur für kurze Zeit Zehntausende von Flüchtlingen zu versorgen.
Die Situation ist schlimm. Gerade jetzt in der Monsunzeit ist die Insel oft bis zu einem Drittel überschwemmt. Bester Beweis, wie unwirtlich sich die Insel präsentiert, ist, dass sich selbst im bevölkerungsreichen Bangladesch dort niemand angesiedelt hat.

Also keine Willkommenskultur in Bangladesch?
Nein. Nationale Interessen gehen vor. Das überbevölkerte Bangladesch mit seinen wirtschaftlichen Problemen will von diesen Glaubensbrüdern jenseits der Grenze nichts wissen. Bangladesch spielt da dieselbe ethnische Karte wie die Burmesen aus – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Die dortige Regierung definiert die Rohingya als ein eigenes Volk, während die Regierung von Burma den Namen Rohingya vermeidet und sie Bengali nennt.

Was steckt hinter diesem Streit um Worte?
Bengali soll definieren, dass sie eben erst vor kurzem aus Bangladesch zugewandert sind. Deshalb werden die Rohingya auch nicht in der Verfassung wie andere Ethnien als eine offizielle Minderheit anerkannt. Das Staatsbürgerrecht wird ihnen vorenthalten und schätzungsweise eine Million Rohingya sind staatenlos.

Ist diese Volksgruppe erst in den letzten Jahrzehnten eingewandert?
Keinesfalls. Es gibt Quellen, die zeigen, dass sich schon vor dreihundert, vierhundert Jahren in diesem Gebiet Muslime niedergelassen haben.

Rohingya ist ein solches Reizwort, dass die katholischen Bischöfe Myanmars dem Papst rieten, bei seinem anstehenden Besuch im November, dieses nicht auszusprechen.
Glücklicherweise nimmt der Papst kein Blatt vor den Mund und nennt das Unrecht beim Namen. Der Zeitpunkt der Reise von Franziskus nach Burma ist gut gewählt. Der Papst zeigt damit: Die Christen sind solidarisch gegenüber den entrechteten und verfolgten Muslimen. Menschenrechtsgruppen, auch wir von der GfbV, haben versucht, westliche Diplomaten zu einer ähnlichen Haltung zu ermuntern – auch als Signal an die muslimische Welt, wie wichtig uns die Einhaltung der Menschenrechte ist. Aber der Westen hält sich fern von diesem Krisenherd.

Was in der muslimischen Welt den Eindruck entstehen lässt: Der Westen bedient sich in seiner Menschenrechts-Rhetorik doppelter Standards?
So nehmen dies viele Muslime wahr. Natürlich weiss ich aufgrund von Gesprächen mit Beamten im deutschen Aussenministerium, dass das Stillhalten vor allem einem Umstand geschuldet ist: Man wollte den Transformationsprozess der noch jungen Demokratie nicht gefährden und die De-facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi gegenüber dem Militär stärken. Aber die westlichen Regierungen dürfen nicht länger wegschauen.

Was ist nun der Motor, der die Gewaltspirale immer schneller rotieren lässt? Sind es religiöse, ethnische oder soziale Motive?
Das genau auseinanderzuhalten, ist schwierig. Alle Faktoren spielen da hinein. Und wie schon gesagt, kommt noch der Machtkampf zwischen ziviler Regierung und Militär hinzu.

Es gibt auch die nationalistischen Mönche, die mit antimuslimischen Parolen die Mehrheitsgesellschaft aufstacheln. Immerhin sind 89 Prozent der Bevölkerung in Myanmar buddhistisch.
Die nationalistisch-buddhistischen Gruppen spielen eine bedeutende Rolle. Sie instrumentalisieren die Religion, um die Buddhisten gegen die muslimischen Rohingya aufzustacheln. Interessant dabei ist, dass sie sich auch mit den singhalesischen Mönchen vernetzen, die ebenso ihre Kultur durch tamilische Hindus und Muslime bedroht sehen. Die Idee, die hinter dem Denken der Burmesen wie Singhalesen steckt, ist folgende: Sie wollen ein homogenes, rein buddhistisches Staatswesen.

Delf Bucher, reformiert.info, 8. September 2017