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Politik

Neue Dynamik für den Frieden

Der Besuch von Papst Franziskus in Kolumbien stimmt viele zuversichtlich, dass im bürgerkriegsversehrten Land dauerhaft Friede einkehrt. Denn die Kirche ist eine wichtige Autorität, sagt Heks-Länderdirektorin Mireya Ramirez.

Mindestens 90 Prozent der Kolumbianerinnen und Kolumbianer sind Katholiken. Für viele von ihnen hat der Glaube nach wie vor einen hohen Stellenwert. Kein Wunder, dass der Papstbesuch Anfang September als wichtiges Ereignis gefeiert wurde.

«Die Visite fand in einem guten und wichtigen Moment statt», sagt die Heks-Länderdirektorin Mireya Ramirez. Das Hilfswerk der evangelischenKirche ist in Kolumbien in der Entwicklungshilfe und Friedensförderung tätig. Dank der grossen Medienpräsenz und der Mobilisation von tausenden von Personen sei der Friedensprozess wieder ganz oben auf der Agenda und damit auch ins Bewusstsein der Kolumbianerinnen und Kolumbianer gekommen. Dies habe eine grosse psychologische Wirkung: «Der Papst hat mitgeholfen, dem Friedensprozess, der ja erst am Anfang steht, neue Dynamik zu verleihen.»

Mit allen an einem Tisch
Auf seiner Reise sprach der Papst zwei kolumbianische Geistliche, Opfer des Bürgerkriegs, selig. Er nahm an einem grossen nationalen Versöhnungstreffen teil und rief die Kirche des Landes zu aktiver Versöhnungsarbeit auf. Ein «klares Zeichen für den Frieden» habe der Papst gesetzt, sagt Ramirez, indem er sich mit allen Konfliktparteien – Opfer, Ex- Guerilleros, staatliche Institutionen – getroffen habe. Kurz vor dem Besuch kam es zu einer Waffenstillstandsvereinbarung mit der letzten Guerillagruppe ELN. Ramirez: «Gut vorstellbar, dass der Papst diesen Abschluss unmittelbar beeinflusst oder doch zumindest gefördert hat.»

Die Kirche spiele in Kolumbien eine Schlüsselrolle. Sie sei wichtige Autorität und einflussreiche Akteurin. Sie fördere aktiv den «so wichtigen Dialogprozess zwischen den Konfliktparteien». Darüber hinaus müsse man sich bewusst sein, dass in jenen Gebieten mit den grössten Konflikten die staatlichen Strukturen fehlten oder sehr schwach seien. «Da übernimmt die Kirche mit ihrer Sozialarbeit einen zentralen Part.»

Tief gespalten
Ob der fragile Friede in Kolumbien hält, ist laut Ramirez offen. Zwar haben die FARC-Rebellen in den letzten Monaten ihre Waffen abgegeben, aber die Umsetzung des Friedensvertrages, etwa die damit verbundene Agrarreform mit der Förderung der vernachlässigten ländlichen Gebiete, habe noch kaum begonnen. Entscheidend werden die Wahlen vom nächsten Jahr sein. «Die Partei des Ex-Präsidenten Alvaro Uribe kommuniziert, dass sie den Friedensvertrag nicht anerkennen wird», sagt Ramirez.

Denn der im Friedensvertrag aufgezeigte «Weg der Versöhnung statt primär der Bestrafung» werde nicht von allen verstanden. Die kolumbianische Gesellschaft sei in dieser Frage tief gespalten. Das habe die erste Abstimmung mit einer knappen Nein-Mehrheit zum Friedensvertrag gezeigt. Präsident Juan ManuelSantos habe viel Energie und seine ganze Glaubwürdigkeit in das Gelingen des Friedensprozesses eingesetzt. «Das polarisiert natürlich.»

Angst vor neuem Terror
Das grösste Problem sieht Ramirez aber nicht in der Wiedereingliederung der FARC-Rebellen in die Gesellschaft, diese sei «realistisch». Die Gefahr bestehe vielmehr darin, dass andere Gruppen, etwa kriminelle Banden, Drogenringe oder die Paramilitärs das entstandene Vakuum besetzten – und dies erneut zu Terror und Gewalt führe. «Der Staat ist in diesen abgelegenen ländlichen Gebieten sehr schwach und kann weder Schutz und Sicherheit noch sozio-ökonomische Perspektiven bieten.»

Ramirez ist aber zuversichtlich, dass der Friedensvertrag den Versöhnungsprozess in Gang gebracht habe. «Versöhnung ist die Voraussetzung, damit sich das Geschehene nicht wiederholt und nicht vergessen geht», sagt sie. Der Friedensvertrag beeinflusse auch die Arbeit von Heks. Neu engagiere man sich – in Zusammenarbeit mit der Abteilung für menschliche Sicherheit des EDA – in der Pazifikregion mit einem Projekt zur Förderung von Schutz und Sicherheit. Dort war die Bevölkerung besonders stark vom Konflikt betroffen.

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info, 20. September 2017

Friedensprozess in Kolumbien
Über Jahre fand in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt zwischen staatlichen Kräften, den Guerillas und den Paramilitärs statt. Seit 1964 starben über 220000 Personen, 7,5 Millionen wurden vertrieben.Am 22. Juni 2016 vereinbarte die kolumbianische Regierung mit den FARC-Rebellen einen Friedensvertrag, was Präsident Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis einbrachte. Im Oktober 2016 lehnte das Volk das Abkommen aber ab. Im Dezember trat ein überarbeiteter, vom Kongress abgesegneter Friedensvertrag in Kraft.Mit dem Vertrag ergeben sich grosse Herausforderungen für das Land. Die ehemaligen Kämpfer – oftmals Analphabeten, die im Dschungel aufgewachsen sind – müssen in die Gesellschaft integriert werden. Im Volk umstritten ist insbesondere die Sonderjustiz mit milden Strafen für Guerillakämpfer. Die FARC will ihre Ziele nun als Partei auf legalem Weg durchsetzen, was vielen missfällt. Im schwierigen Prozess zum dauerhaften Frieden hat nun der Papst vom 6. bis 10. September das Land besucht.