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Gesellschaft

«Das Beste kommt noch»

Seit seinem Unfall in der Sendung «Wetten, dass…?» sitzt Samuel Koch im Rollstuhl. Er ist gelähmt. Doch Koch will das Leben geniessen und gestalten, wie er an einer Autorenlesung in Liestal verriet.

«Will jemand Buchhalter werden?», ruft Samuel Koch in den vollen Saal in Liestal. «Will jemand heute Abend ein Praktikum als Buchhalter machen?» Niemand will. Dann steigt eine junge Frau auf die Bühne und setzt sich neben ihn. Koch bittet sie, sein Buch aufzuschlagen und es ihm hinzuhalten. Die Frau wird zu Kochs «Buchhalterin». Denn der Deutsche ist Tetraplegiker und sitzt im Elektrorollstuhl. 

Mit dem ehemaligen Minister Wolfgang Schäuble zählt Samuel Koch zu den prominentesten Rollstuhlfahrern Deutschlands. Zur Autorenlesung in Liestal hatte ihn die Buchhandlung Arche eingeladen. Knapp 300 Zuhörer besuchten den Anlass im Hotel -Engel.

Seit dem 4. Dezember 2010, als Samuel Koch in der Show «Wetten, dass..?» bei einer Wette schwer stürzte, ist er vom Hals an abwärts gelähmt. Nach dem Umfall tritt er in das Paraplegiker-Zentrum Nottwil ein und kämpft sich dort ins Leben zurück. 

Seine beiden Bücher «Zwei Leben» und «Rolle vorwärts» zeugen vom täglichen harten Kampf in den Therapien, von der Verzweiflung, aber auch von der Zuversicht, dass es ihm gelingt ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Eigentlich müsste das Buch den Titel «Mein Krampf» tragen, scherzt Koch auf der Bühne und erzählt im nächsten Atemzug vom Bettnachbarn in Nottwil, der sich das Leben nahm.

Autor und Schauspieler auf der Bühne

Samuel Koch will sich nicht als Opfer seines Schicksals sehen. Im Gegenteil:  Nach seinem Unfall schliesst er seine Schauspielausbildung ab und tritt in «Faust», «Prinz von Homburg» und «Die Räuber» im Staatstheater Darmstadt auf. Da der Körper auf der Bühne nicht mithält, legt er die ganze Kraft der Rolle in seine Stimme.

Samuel Koch heiratet seine Schauspielkollegin Sarah Elena Timpe, schreibt Bücher, die auf der «Spiegel»-Bestsellerliste landen, macht Lesetouren und scherzt über sich und sein Schicksal. Doch er hofft auch auf ein Wunder der Medizin. «Ich möchte nicht aufhören daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann.» Koch ist überzeugt, dass das Leben nicht alles ist und es nicht mit dem Tod endet. «Das Beste kommt noch», sagt er in Liestal. «Das Festhalten an dieser Utopie macht das Leben nicht schlechter.» 

Die schönen und intensiven Momente des Lebens

Meistens werde er gefragt, woher er seine Kraft nehme, sagt Samuel Koch. Niki Lauda habe ihm einmal gesagt, er lasse sich von seiner Wut treiben. Koch will sich vom Positiven leiten lassen. Er schöpfe aus seiner «optimistischen Grundpersönlichkeit» und seinem Glauben Kraft. Seine Mutter, «die nah an der Sonne gebaut ist», habe ihn geprägt. Als die Mutter einmal mit dem Auto mehr als zwei Stunden im Stau stand und die ungeduldigen Kinder auf dem Rücksitz tobten, zitierte sie seelenruhig die Tageslosung «Es ist ein köstlich Ding geduldig zu sein und auf die Hilfe des Herrn zu hoffen».

Samuel Koch hadert nicht mit seinem Schicksal. Im Gegenteil, er will seinem Leben, sei es auch noch so eingeschränkt, die schönen und intensiven Momente abringen. Er führt Listen, auf denen er die Momente des Glücks und der Dankbarkeit festhält, die Freude über das Vogelgezwitscher am Morgen, die Herzlichkeit in der Familie, den Kinobesuch mit Freunden und das Staunen über die Weite des Sternenhimmels.

25.01.18. | Tilmann Zuber