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Kirche

Die symbolische Kraft des Kirchenasyls ernst nehmen

Aktivisten und Asylbewerber haben die Matthäuskirche in Basel besetzt. Für Kirchenleitungen sind solche Aktionen eine rechtliche und ethische Herausforderung. Der Theologe Pierre Bühler rät den Kirchen, statt zu klagen, den Dialog zu suchen.

Mitte Februar, als die meisten Baslerinnen und Basler in den Skiferien und an der Fasnacht weilten, haben Aktivisten in Basel Teile der Matthäuskirche in Beschlag genommen. «Wir haben am Sonntagabend den Mitenand-Gottesdienst besucht und uns dann in der Kirche niedergelassen», sagt ein 22-Jähriger. Im hinteren Teil der unterirdischen Räumlichkeiten hat sich die Aktivistengruppe eingerichtet. Sie nennt sich «Wir bleiben» und möchte einen Raum öffnen, in dem die «unmenschliche Flüchtlingspolitik» diskutiert werden kann.
Zur Gruppe gehören vier abgewiesene Asylbewerber aus Afrika. Ihnen droht die Ausschaffung. Gegen diese und die repressive Migrationspolitik will die Gruppe mit ihrer «Niederlassung» ein Zeichen setzen und Alternativen diskutieren. Die Aktivisten setzen sich für eine «solidarische und offene Gesellschaft» ein. «Die Erfahrung zeigt, dass es in den Kirchen immer Menschen gibt, die eine solche Vision teilen», meint ein Vertreter von «Wir bleiben» und beruft sich dabei auf die Migrationscharta. Diese plädiert für das Recht von Flüchtlingen auf Schutz und eine würdige Existenz wurde vor kurzem von katholischen und reformierten Theologinnen und Theologen verabschiedet.

Kein Antrag auf Räumung
Die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt ERK hält in einer ersten Stellungnahme klar fest, dass die Gruppe Hausfriedensbruch begangen habe. Die ERK Basel-Stadt sehe sich dem Rechtsstaat verpflichtet. Einen Antrag auf polizeiliche Räumung hat die Basler Kirche aber nicht gestellt. Man wolle zuerst das Gespräch mit den Besetzern suchen. Einen Termin gibt es gemäss Auskunft von Roger Thiriet, dem Medienbeauftragten der ERK Basel-Stadt, bisher nicht.

Lausanne: Anzeige erstattet
Der Fall der Matthäuskirche ist nicht der erste und einzige in der Schweiz. Seit mehr als einem Jahr besetzt eine Gruppe abgewiesener Asylbewerber aus Eritrea das Zentrum Saint-Laurent in Lausanne. Sie berufen sich auf das Kirchenasyl. Die Landeskirche forderte die Besetzer auf, die Kirche zu räumen und erstattete Anzeige. Das Gericht wies die Klage zurück, da das Gebäude der Stadt Lausanne gehört. Die reformierte Kirche hat lediglich das Nutzungsrecht.
Für Pierre Bühler, emeritierter Theologieprofessor, der in Neuenburg wohnt, ist es problematisch, dass die Kirchenleitung die Räumung verlangt, während sich der Staat zurückhält. «Gewiss, ein Kirchenasyl gibt es rechtlich nicht», sagt Pierre Bühler. «Die Kirche bietet keinen rechtsfreien Raum an.» Doch Bühler betont die bleibende symbolische Dimension der Kirche als Zufluchtsort, die selbst die Polizei in ihren Einsätzen respektiere.

Asyl in Tempel und Kirche
Der Ursprung des Kirchenasyls findet sich in der Antike. Im Alten Testament flüchten die Bewohner Sichems vor Abimelech in den Berit-Tempel. David sucht Schutz vor Saul beim Propheten Samuel in Rama (1 Sam 19,18). Im antiken Griechenland flohen zerstrittene Familien, Töchter, die der Zwangsheirat entgehen wollten, oder Sklaven in den Tempel. In der christlichen Spätantike übertrug sich diese Schutzfunktion auf die Kirchen.
Mit der Zunahme der Flüchtlinge ab den 1970er-Jahren wurde das Kirchenasyl aktuell. 1985 besetzten Chilenen die reformierte Kirche von Seebach. Diese und spätere Aktionen sorgten für Schlagzeilen und heftige Diskussionen in der Bevölkerung. Mit Erfolg: Keiner der Chilenen musste in die Diktatur zurück.
Erfolgreich Kirchenasyl fand vor rund zehn Jahren auch eine Familie in der reformierten Baselbieter Kirchgemeinde Bubendorf-Ramlinsburg. Mit dem Segen der Kirchgemeindeversammlung bezog eine vierköpfige Familie aus dem Kosovo das Cheminée-Zimmer der Kirche. Die Bundesbehörden verlängerten die Aufenthaltsbewilligung bis heute und noch immer leben Vater, Mutter und die zwei Söhne im Dorf.

Den Dialog suchen
Pierre Bühler plädiert dafür, dass die Kirchenbehörden die symbolische Kraft des Kirchenasyls ernster nehmen. Er rät der Basler Kirche, statt auf Räumung zu klagen, eine Mediatorenrolle zu suchen und dafür zu sorgen, dass zwischen den verschiedenen Behörden und der Aktionsgruppe ein Dialog entsteht.
Für eine solche Diskussion scheint die Matthäuskirche der richtige Ort. Hier treffen sich Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Benachteiligte seit Längerem und feiern Gottesdienste. Die Aktion «Wir bleiben» will den Betrieb nicht stören. Die ersten Reaktionen aus der Kirchgemeinde zeigen, dass man den Anliegen der Gruppe eher wohlwollend gegenübersteht.

Osswald / Zuber / Müller / Kirchenbote / 26. Februar 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».