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Antisemitismus

Solidarische Mehrheit, aggressive Minderheit

von Christa Amstutz / reformiert.info
min
13.11.2023
Judenfeindliche Vorfälle häufen sich auch in der Schweiz, sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG).

Wie haben Sie die Haltung der offiziellen Schweiz nach dem Terror der Hamas erlebt?

Es wurde rasch reagiert. Die Stellungnahme des Bundesrates wenige Tage nach den Anschlägen war unmissverständlich. Und dass ein Verbot der Hamas in der Schweiz jetzt angegangen wird, ist wichtig für uns. Seitens der Politik, der Medien, der Gesellschaft hören wir klare und mitfühlende Worte und erleben eine so noch nicht dagewesene Solidaritätswelle. Wir erhalten auch viele berührende Emails. Nicht nur zu den barbarischen Überfällen auf Israel, sondern auch zum wachsenden Antisemitismus in der Schweiz.

Trotz der Solidarität einer Mehrheit, häufen sich antiisraelische Parolen an Demonstrationen, judenfeindliche Schmierereien an öffentlichen Gebäuden, Hass in den sozialen Medien. Wie fühlen Sie sich?

Ich glaube, ich hatte noch nicht wirklich Zeit zu begreifen, was gerade geschieht. Seit dem Terrorakt hat unsere Meldestelle fast 70 antisemitische Vorfälle registriert. Und das in nur fünf Wochen. In einem Durchschnittsjahr sind es rund 50 Vorfälle, die uns gemeldet werden. Nebst Beschimpfungen, Schmierereien und anderen mehr kam es jetzt auch zu physischen Angriffen.

Mehr als einmal pro Woche wird auf Schweizer Strassen eine jüdische Person tätlich angegriffen.

Ist also nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Art der Vorfälle neu?

Sieben physische Angriffe in fünf Wochen, das ist schon sehr beängstigend. Mehr als einmal pro Woche wird auf Schweizer Strassen eine jüdische Person tätlich angegriffen. Vorher passierte das vielleicht alle fünf Jahre mal. Die Zahl der Vorfälle in den sozialen Medien wage ich mir noch gar nicht vorzustellen. Wir kommen nicht mehr nach mit Erfassen. Bis vor zwei Wochen waren es seit dem 7. Oktober schon fast 200 Vorfälle. In den letzten Jahren haben die Zahlen stetig zugenommen. Aber jetzt sprechen wir nicht mehr von einer Zunahme, sondern von einer regelrechten Explosion.

Gab es schon ähnliche Höhepunkte?

Es hat schon früher gewisse Trigger gegeben. Zum Beispiel vor fast 10 Jahren, wo die Debatte zum Nahostkonflikt in der Schweiz sehr aggressiv geführt wurde. Und während der Diskussion zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg Ende der 1990er Jahre war die Stimmung auch aufgeladen. Aber es kam nicht zu gehäuften physischen Übergriffen. Das ist neu für die Schweiz.

Wie ist die Stimmung in Ihren Gemeinden?

Es gibt nicht die eine Stimmung. Aber die meisten sind noch völlig perplex und schauen ungläubig zu, was da passiert. Und zwar nicht nur im Nahen Osten – das ist der eine Schock. Sondern eben auch mit Blick auf die Auswirkungen in der Schweiz. Einige unserer Mitglieder sind sehr verunsichert und haben Angst. Es gibt Leute, die sich nicht mehr mit der Kippa auf die Strasse trauen. Zugleich herrscht ein grosses Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zusammenhalt.

Wurden die Sicherheitsdispositive verstärkt?

Die Sicherheitsvorkehrungen waren auch vorher gross. Selbstverständlich wurden sie jetzt nochmal erhöht. Und da zeigt sich mehr denn je, dass die staatliche Unterstützung für die Sicherheit jüdischer Organisationen hinten und vorn nicht ausreicht. Es gibt schon entsprechende politische Vorstösse. Man muss das so schnell wie möglich angehen. Die jüdischen Organisationen werden sonst unter dieser finanziellen Last zusammenbrechen.

Natürlich empfinde ich Mitgefühl mit den Menschen in Gaza.

Haben Sie Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung in Gaza?

Natürlich empfinde ich Mitgefühl mit den Menschen in Gaza. Nicht zuletzt, weil sie in Geiselhaft einer Terrororganisation sind, die sich nicht um ihr Schicksal schert und sie als Schutzschilde missbraucht. Menschliches Leid ist immer sehr schmerzhaft.

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Empathie mit der Zivilbevölkerung in Gaza, zum Teil berechtigter Kritik an der Politik Israels und Haltungen, die Sie nicht akzeptieren?

Was ich nicht akzeptieren kann, ist, wenn das Massaker der Hamas mit Blick auf den Nahostkonflikt relativiert und erklärt wird. Bei den Terrorakten der Hamas auf Israel ging es nicht um militärische Ziele, sondern einzig darum, jüdische Menschen zu ermorden. Noch nie seit der Schoa wurden so viele Juden an einem Tag ermordet, nur weil sie Juden waren. Die systematische und geplante Vernichtung jüdischer Menschen darf nicht in einen Kontext gestellt werden. Und die Grenze ist für mich definitiv erreicht, wenn Empathie für die palästinensische Bevölkerung in Hass gegen jüdische Menschen umschlägt.

Ende Oktober reisten Sie mit einer Delegation des jüdischen Weltkongresses nach Katar, um Unterstützung für die Freilassung der israelischen Geiseln im Gazastreifen zu erreichen. Was konnten Sie bewirken?

Wir gingen, weil Katar signalisierte, dass es Einfluss geltend machen könne. Man hat uns dann versichert, sich uneingeschränkt für die sofortige Freilassung der Geiseln einzusetzen. Sollten in näherer Zukunft Geiseln unversehrt freigelassen werden, hat sich die Reise gelohnt. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Immer noch sind über 200 Geiseln, Frauen, Kinder und Babys, in der Hand der Hamas.

Die aktuelle Situation ist auch für den interreligiösen Dialog eine Herausforderung.

Ja. Und doch ist der Dialog gerade jetzt umso wichtiger. Belastungen gilt es auszuhalten. Voraussetzung dafür ist aber gegenseitiges Vertrauen. Ohne dieses funktioniert nichts.

 

Jonathan Kreutner, 44

Der Historiker ist seit 2009 Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG und seit drei Jahren Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.

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