

Wenn zugewanderte Religionen mit ihren Bauten die Hinterhöfe verlassen, sorgt das häufig für heisse Köpfe. Ein Forschungsprojekt der Uni Luzern hat diese Gebäude in der Schweiz dokumentiert.
ARCHITEKTUR • Christliche Kirchen werden geschlossen, buddhistische Klöster neu gegründet und Minarette werden zu Zankäpfeln in der öffentlichen Diskussion. Die Gesellschaft ist im Wandel und mit ihr auch der öffentliche Raum, der von den Kultbauten wesentlich geprägt ist. In knapp zweijähriger Arbeit hat das Zentrum für Religionsforschung an der Universität Luzern im Projekt «Kuppel-Tempel-Minarett» jene Sakralbauten
dokumentiert, die zugewanderte Religionsgemeinschaften nach 1945 in der Schweiz errichtet haben. Zu den 19 Gebäuden, die das Projekt erfasste, gehören sieben christlich-orthodoxe Kirchen, drei Synagogen, drei Moscheen mit Minaretten, vier buddhistische Tempel und je ein von Sikhs und von Mormonen erbauter Sakralbau.
Wer den Hinterhof verlässt, um an einer belebten Strasse oder in einem Wohngebiet eine Moschee oder einen Tempel zu bauen, positioniert sich innerhalb der Gesellschaft, in der er lebt.
Image der Religion massgebend
Doch warum erregt das vergleichbar unscheinbare Minarett auf der Moschee in Wangen die Gemüter mehr als seinerzeit der Bau der grossen Moscheen in Genf (1962) und Zürich (1975), die von Politikern als Ausdruck von Internationalität und Weltoffenheit begrüsst wurden? «Ob ein Bauvorhaben auf Zustimmung oder Ablehnung stösst, hängt von verschiedenen Faktoren ab», erklärt Andreas Tunger-Zanetti, Koordinator des Zentrums Religionsforschung. Eine grosse Rolle spiele das Image einer Religion, das sich im Lauf der Zeiten wandeln könne. So werde der Islam seit dem 11. September 2001 mit Gewalt in Verbindung gebracht, während der Buddhismus als friedlich gelte.
Potente und angesehene Geldgeber im Hintergrund erleichtern die Durchsetzung eines Bauvorhabens, fanden die Wissenschaftler heraus. Ein Beispiel dafür ist das Engagement des thailändischen Königshauses beim Bau des buddhistischen Zentrums Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach/SO. Moderne Architektur hat es bei Neubauten offensichtlich leichter als ein Baustil, der auf traditionelle Formen setzt. Aktives Zugehen auf die Nachbarschaft sorge ebenfalls für Goodwill: So helfen die Mitglieder der Genfer Moschee an einem Aktionstag das Quartier von Abfall zu säubern. Nicht zuletzt scheine eine «offensive Informationspolitik» die Akzeptanz in der Öffentlichkeit stark zu erhöhen, so Tunger-Zanetti.
Durch die Veröffentlichung ihrer Dokumentationsarbeit mit Grundinformationen und Bildmaterial hoffen die Wissenschaftler einen Beitrag zur Information und Versachlichung der öffentlichen Debatte zu leisten. Denn spätestens im Herbst, vor dem Hintergrund der Volksabstimmung zur Anti-Minarett-Initiative, wird das Thema «Religion im öffentlichen Raum« wieder die Schlagzeilen beherrschen.
Informationen zu den einzelnen Kirchen, Tempeln und Minaretten:
www.religionenschweiz.ch/bauten.
Ein Faltprospekt mit Fotos, Informationen zu den Gebäuden und Karte ist für 5 Franken beim Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern, E-Mail: relsem@unilu.ch, erhältlich.
Auf der Grundlage des Projekts ist vom 17. 8. bis 18. 9. in der Heiliggeistkirche in Bern die Ausstellung «Kuppel – Tempel – Minarett» zu sehen. Anschliessend gastiert sie im Oktober in Basel, im November in Zug und danach eventuell in Luzern.
mzb