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Religionen

«Umkehr zum Verstehen wollen»

23.11.2016
Franz Kreissl, Leiter Pastoralamt des Bistums St. Gallen, präsentierte an der gesamtstädtischen Reformationsfeier in St. Gallen seine Sicht der Ökumene.

In Deutschland haben sich die Bischöfe und die Spitzen der evangelischen Kirchen gefragt, wie sie sich gemeinsam auf das Reformationsjubiläum vorbereiten könnten. Mit einer gemeinsamen Reise, so ein Vorschlag. Aber wohin? Nach Wittenberg! Die Idee fand wenig Begeisterung, auch Rom kam nicht in Frage. Man einigte sich, nach Israel zu fahren. Im Oktober kamen alle begeistert zurück: Wir haben die gemeinsamen Wurzeln neu entdeckt. An diesen wollen wir uns beim Reformationsjubiläum orientieren. 

«Auf dass sie alle eins seien» 

Das erzählte Franz Kreissl am Anfang seiner Ansprache. Auch er führte seine Zuhörer zu den gemeinsamen Ursprüngen, der Bibel. Paulus ermahnte seine Gemeinde in Ephesus, die von Gott geschenkte Einheit nicht durch Unfrieden zu zerstören. Denn die Einheit ist Gottes Geist in den Glaubenden – ein Glaube, eine Taufe, ein Leib, eine Hoffnung. Dementsprechend sollen die Kinder Gottes leben. Im Johannesevangelium betet Jesus für die Einheit der Glaubenden: «Erhalte sie in der Gemeinschaft mit dir, damit sie untereinander so eins werden, wie du und ich eins sind.» 

Franz Kreissl betonte, dass diese Einheit ein aus Gottes Wesen und Leben abgeleitetes Geschenk sei, keine Leistung oder Tugend der Glaubenden. Es sei eine Einheit, welche die Selbstwerdung unterstütze und damit die Fähigkeit fördere, aufeinander zu hören, vom andern zu lernen. Am Bild eines Wagenrades erläuterte Kreissl die in der Einheit der Nabe zentrierte Vielfalt. Die Identitäten am Ende der Speichen sind voneinander entfernt und haben doch in der Mitte, in Gott, ihren Ausgangspunkt und ihr Ziel. 

Künstlich verengte Identitäten

Bezug nehmend auf die Theologin Johanna Rahner, charakterisierte Kreissl die Entwicklung der Kirchen nach der Reformation hin zu konfessionellen «Exilsidentitäten». Wer aus der Heimat vertrieben ist, neigt dazu, die Heimat zu idealisieren. In ähnlicher Weise würden die Kirchen aus ihrer Verlusterfahrung die Einheit konfessionalistisch vorstellen und die eigene Identität exklusiv bestimmen. Dem gegenüber hätte das Mittelalter noch eine grosse Vielfalt an Sichtweisen und Liturgien ermöglicht. 

Nach der Reformation sei durch die Konkurrenz der Kirchen viel uniformiert worden, bei den Katholiken durch das Konzil von Trient. Damit hätten sich die Kirchen vom Reichtum der Vielfalt ausgeschlossen. Für Katholiken war Kelchkommunion oder Bibellesen als protestantische Eigenart verpönt. Evangelische distanzierten sich von rituellen Formen, die als katholisch galten. Das Problem für die Einheit, so Kreissl, sei damit nicht die Reformation, sondern die 500 Jahre Konkurrenz danach. 

Ökumene der Neugier

Angesichts dieser Analyse hält Kreissl wenig von einer «Ökumene der Profile», in der die Sicherung der eigenen Identität im Vordergrund steht. Vielmehr müsse der Vielfalt Raum gegeben werden, auch in der eigenen Kirche. Dazu brauche es die Fähigkeit zum Dialog und zur Debatte, ausgehend vom Bewusstsein des Mangels, dass einem selber immer etwas fehlt und viel zu lernen ist von denen, die auf andere Art mit Christus im Leben unterwegs sind. 

 

Dazu habe die katholische Kirche mit dem 2. Vatikanischen Konzil die Weichen gestellt, auch wenn das dort nicht alle begrüssen. Seine Kirche habe klar formuliert, dass die Anerkennung des andern und das Bewusstsein für das Eigene zusammengehören. Vorher dominierte der konfessionalistische Blick nach innen. Dann aber wurde realisiert, dass wir Kirche in einer Welt sind, die sich wandelt. Eigenes und Fremdes können im Hinblick auf gemeinsame Herausforderungen nicht mehr getrennt werden, da Christus sich da und dort zeigen kann. Und damit knüpfte Kreissl bei seinen biblischen Betrachtungen an, welche die Einheit in Gottes Wesen, in der gemeinsamen Nabe des Rades, lokalisiert hat. 

In seinem Schlussplädoyer bezog sich Kreissl auf die Charta Oecumenica von 1997 und Aussagen der Churer Theologin Eva Maria Faber. Er plädierte für eine «Umkehr zum Verstehenwollen», zur Fähigkeit, andern zuzuhören und das Eigene verständlich erklären zu können. Und zu einer Kirche, die sich stets reformiert.

 

Die Ansprache ist nachzuhören unter: http://www.erf-sg.com

 

 

Text und Foto: Andreas Schwendener – Kirchenbote SG, Dezember 2016