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Kirche

Fusion im Bündnerland

Mit Riesen-Kirchgemeinde das Profil schärfen

01.12.2016
Im Oberengadin entsteht die zweitgrösste Kirchgemeinde Graubündens. Die acht bisherigen Kirchgemeinden wollen so Synergien nutzen und das Profil der Kirche schärfen.

Fast 35 Kilometer sind es auf der Hauptstrasse von Sils Maria bis Cinuos-chel, quer durchs Oberengadin mit Orten wie St. Moritz, Pontresina und Samedan. In diesem Gebiet wirkt ab 2017 neu eine reformierte Kirchgemeinde – mit fast 6000 Mitgliedern, 9 Pfarrpersonen und Diakonen, 30 Mitarbeitenden und 29 Kirchen.

Verständlich, nennt Jon Manatschal «vor allem die Harmonisierung, die Zusammenarbeit» als grösste Herausforderung für die neue Kirchgemeinde Oberengadin. Der Samedaner war beim Projekt im Lenkungsausschuss und in Teilprojektteams mit dabei. Und er zeigt sich überrascht, dass sich am 29. November 150 Personen zur Gründungsversammlung in Samedan einfanden – so viele habe er nicht erwartet.

Langer Weg
Mit dieser Abstimmung wurde ein mehrjähriger Prozess abgeschlossen. Bereits 2002 hatten die acht Kirchgemeinden den Dachverband «Il Binsaun» (seid willkommen) gegründet. Doch diesem fehlte die Zugkraft, die Angebote wie beabsichtigt zu verbessern.

Im Projekt «Weiterentwicklung Il Binsaun» ab 2012 zeigte sich dann überraschend, dass die Mitglieder die stärkste Form der Zusammenarbeit wünschten: den Zusammenschluss. Rund 40 Personen wirkten anschliessend in sechs Teilprojektteams mit. Bis im vergangenen Sommer alle acht Kirchgemeinden dem Vertrag zustimmten – davon einzig Zuoz/Madulain erst im zweiten Anlauf.

Effizienter in Organisation und Angeboten
An der abschliessenden Gründungsversammlung ging nun «alles glatt», wie Jon Manatschal sagt. Doch auf dem ganzen Weg gab es auch Hindernisse. Ängste vor weniger Mitsprache der einzelnen Gemeinden, dem Verlust von wertvollem Kulturgut oder vor einem Abbau der Gottesdienste wurden unter anderem geäussert.

«Die Kirchgemeinden wollen effizienter werden, und zwar in der Organisation wie auch in den Angeboten», nennt Manatschal als Hauptgrund für den Zusammenschluss. Organisatorisch sollen Synergien genutzt und Doppelspurigkeiten vermieden werden. Dafür werde unter anderem eine zentralisierte Verwaltung mit drei Personen in Samedan sorgen.

Diese vereinfacht auch Neuerungen wie eine Telefonnummer, über die rund um die Uhr jemand erreichbar sein wird. Dabei arbeiten Verwaltung und Pfarrpersonen zusammen, erläutert Jon Manatschal: «Tagsüber nimmt die Verwaltung die Anrufe entgegen und macht dann eine Triage, je nach Bedürfnis. Nachts und an Wochenenden ist die Nummer jeweils auf eine Pfarrperson umgeleitet.»

Regional Neues bieten
Bei den Gottesdiensten wird es zwar einen Abbau geben. Doch die Regionalisierung ermöglicht nach Ansicht der Projektmitarbeitenden neue Angebote – auch vermehrt für kirchenfernere Personen, wie Manatschal meint: «Mit dem grösseren Einzugsgebiet können wir besser beispielsweise Seminare anbieten für Heiratswillige oder für Trauernde.»

Eine Freitagsandacht ist neu geplant in der Kirche San Gian bei Celerina, die in der Mitte der neuen Kirchgemeinde liegt. Zudem soll die Kirche mit Gottesdiensten in Betrieben – etwa einer Autogarage oder in einem Gewächshaus – verstärkt auch zu den Leuten hingehen als umgekehrt.

Lokal verlässlich bleiben
Dieser Aspekt ist dem Silvaplaner Pfarrer Urs Zangger ein grosses Anliegen. Er leitete das Teilprojektteam Öffentlichkeitsarbeit und erachtet es als «ganz wichtig, dass wir in der kommenden Umbruchzeit bei allen strukturellen Änderungen die Leute nicht vergessen».

Für ihn ist denn auch die Hauptsache der neuen Kirchgemeinde gut in deren Slogan zusammengefasst: «Lokal verlässlich – regional profiliert» lautet er. «Wir möchten nach wie vor an Ort für alle da sein. Zugleich wollen wir aber als Region ein klares Gesicht bekommen», sagt Zangger. Das soll beispielsweise über Spezialisierungen der Pfarrpersonen möglich sein.

Im neuen Jahr aber gehe es aber vorerst einfach weiter wie bisher, verspricht der Pfarrer. Es brauche nämlich sicher einige Zeit, damit sich die neue Kirchgemeinde entwickeln und ihr Profil schärfen könne.

Marius Schären / reformiert.info / 1. Dezember 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Die neue Kirchgemeinde Oberengadin
Acht Kirchgemeinden werden auf Anfang 2017 eine: Sils/Silvaplana/Champfèr, St. Moritz, Celerina, Pontresina, Samedan, Bever/La Punt Chamues-ch, Zuoz/Madulain und S-chanf haben am 29. November 2016 in der Gründungsversammlung Ja gesagt zum Zusammenschlussvertrag. Darin sind die rechtlichen Grundlagen der neuen Aufbauorganisation und die Übergangsregelungen bis Ende Jahr festgehalten. Die neue Kirchgemeinde Oberengadin wird von einem Vorstand, einem Pfarrkollegium und einer professionellen Verwaltung geführt. Oberstes Organ bleibt die Kirchgemeindeversammlung aller reformierter Mitglieder des Oberengadins.