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Gesellschaft

«Eine neue Schamlosigkeit ist erreicht»

Morddrohungen, Beschimpfungen, Hass-Mails: Auch in der Schweiz müssen Pfarrpersonen einiges über sich ergehen lassen. Eine Umfrage unter fünf Pfarrpersonen ergibt allerdings ein differenziertes Bild.

In Deutschland haben Beschimpfungen und Gewalt gegen Pfarrpersonen und Geistliche zugenommen, wie der Evangelische Pressedienst Deutschlands (epd) letzte Woche berichtete. Gemäss der Botschafterin des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Kässmann, haben sich Beschimpfungen gegen Pfarrer in den vergangenen anderthalb Jahren dermassen gesteigert, wie sie es bislang nie erlebt habe.

Wie sieht das in der Schweiz aus? Wir haben fünf Pfarrpersonen befragt, die regelmässig engagiert und pointiert in der Öffentlichkeit stehen.

Andreas Nufer
Der Pfarrer von der Offenen Kirche Heiliggeist in Bern engagiert sich stark für Flüchtlinge. «Beschimpfungen habe ich schon viele erlebt. Früher kamen sie brieflich oder telefonisch, heute vor allem via Email», sagt er. Sie häuften sich nach medialen Auftritten. Einmal habe es eine telefonische Morddrohung gegeben, «worauf die Kantonspolizei eingeschritten ist». Er habe aber nicht den Eindruck, dass die Beschimpfungen in den letzten Jahren zugenommen haben.

Sibylle Forrer
Die Kilchberger Pfarrerin, ehemalige Sprecherin beim «Wort zum Sonntag», hat sich sowohl für die Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlichen Paaren wie auch für Flüchtlinge eingesetzt. Beschimpft wurde sie schon oft, am massivsten aber beim Thema Feminismus: «Da waren die Beschimpfungen am stärksten unter der Gürtellinie. Bei meinem Engagement für die ‹Ehe für alle› wurde mir zudem mehrfach gesagt, ich sei ‹gottlos› und würde die Menschen in die Irre führen.» Vereinzelt sei sie auch von Atheisten angegriffen worden, «die mir aufgrund meines Glaubens intellektuelle Unmündigkeit und Naivität vorwarfen».

Gemäss Forrer haben die Beschimpfungen in den letzten Jahren generell zugenommen: «Ich habe eine zunehmende Enthemmung bei den Kommentaren festgestellt. Besonders in den social media wird zunehmend ohne Scham gehatet.» Frauen würden auch immer wieder aufgrund ihres Äusseren beschimpft: Mal seien sie zu hässlich, mal zu tussig. «Auch das Diffamieren von Menschen aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse hat zugenommen und eine neue Schamlosigkeit erreicht.»

Verena Mühlethaler
Die Pfarrerin am Offenen St. Jakob in Zürich engagiert sich wie Andreas Nufer stark in der Flüchtlingsfrage, hat aber kaum negative Reaktionen erlebt. Sie erinnert sich an eine anonyme Beschimpfung auf dem Telefonbeantworter, bei der ihr geraten wurde, «in die Hölle zu gehen». Dies sei aber im Zusammenhang mit der Einführung von Yoga-Kursen am St. Jakob gewesen.

Christoph Sigrist
Der Grossmünster-Pfarrer erlebt seit bald 30 Jahren Beschimpfungen. «Ich habe einen sogenannten ‹Gift-Ordner›, in dem ich die besonders verletzenden Briefe und Mails sammle.» Im Zusammenhang mit dem Engagement für Flüchtende habe er im letzten Jahr zahlreiche Verunglimpfungen erlebt. Es habe erboste Menschen gegeben, die ihm den Tod wünschten.

Wenn er zeitlich dazu komme, schreibe er nicht zurück, sondern rufe an. «Meine Erfahrung ist, dass sich nach einem ersten Erschrecken ein spannendes Gespräch entwickelt und ich öfters am Schluss höre: ‹Sie sind ja gar nicht so schlimm, gar nicht so ungläubig, so blöd oder so unreformiert›.»

Sigrist bestätigt die Einschätzung von Sibylle Forrer, dass die Beschimpfungen zugenommen haben. «Die Schwelle ist gesunken, und Gewaltandrohungen werden nicht weniger.» Er wage aufgrund seiner Erfahrungen aber, mehr Position zu ergreifen und theologisch radikal in Frage zu stellen, was ausgrenze, unterdrücke und ausbeute. «Das ist doch der Auftrag der Kirche, für den ich eingesetzt bin und ich mich berufen fühle.»

Gottfried Locher
Der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes ist durch sein Amt sehr oft in der Öffentlichkeit präsent. Hat er schon Beschimpfungen erlebt? «Ja, das kommt immer wieder vor. Beschimpfungen gehen mir nach wie vor unter die Haut.» In Erinnerung geblieben seien ihm Zuschriften, die seine Kritik am Wort «Freitod» ablehnten. Aufs Ganze gesehen seien Beschimpfungen aber selten.

Matthias Böhni / ref.ch / 13. Dezember 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».