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Kirche

«Gott hat mir immer reingeredet»

Roman Angst hat in den fünfzehn Jahren als Seelsorger in der Kirche im Zürcher Hauptbahnhof einiges gesehen und gehört. Nun steht er kurz vor seiner Pensionierung. Im Gespräch verrät er sein Rezept für ein glückliches Leben, wie es nach der Pension für ihn weitergeht und was in den blauen Bahnhof-Schliessfächern versteckt sein könnte.

Herr Angst, was war die berührendste Begegnung in den 15 Jahren als Bahnhofpfarrer?
Wenn Männer in der Kirche die Augen schliessen und die Hände zum Gebet falten, dann hat mich das immer berührt. Männer sind Jäger, und die Augen zu schliessen bedeutet viel. Übrigens: Vierzig Prozent der Leute, die in die Bahnhofkirche kommen, sind Männer. Nur schon deswegen muss sie weiter bestehen.

Wie hat die Arbeit hier in der Bahnhofkirche Ihr Menschenbild geprägt?
Ich habe die Menschen immer noch sehr gern. Das versuche ich weiter zu geben. Wir zeigen den Menschen hier, dass es gut ist, dass es sie gibt. Das ist unsere Hauptaufgabe. Wir bieten sozusagen eine vorübergehende Freundschaft an.

Wie helfen Sie den Menschen, die zu Ihnen kommen?
Für mich funktioniert in der Seelsorge nur der lösungsorientierte Ansatz. Ich helfe den Menschen dabei, die Lösung für ihr Problem selber zu finden. Dabei sind diejenigen Lösungen gute Lösungen, die auch neue Wege beschreiten. Ich gebe auch ganz praktische Tipps. Zum Beispiel sollte man immer einen Zettel im Hosensack haben, wo zehn Sachen drauf stehen, die einem sofort gut tun. Das kann die Telefonnummer von einem Menschen sein, ein Film, der gut tut, der Ausblick in eine bestimmte Landschaft und so weiter.

Was muss ein Seelsorger unbedingt können?
Wir müssen die Leute wieder loslassen können. Sie sollen ihren Weg selber gehen können, ganz ohne seelsorgerliche Hilfe. Ein Pfarrer sollte nicht stolz darauf sein, wenn er die vierzig gleichen Leute bis zur Pension seelsorgerlich begleitet hat. Natürlich sind auch Zuhören und Hinsehen wichtig. Vieles wird ohne Worte gesagt – so kann man auch Doppelbotschaften entlarven und zum Beispiel eine Aussage hinterfragen.

Inwiefern haben persönliche Lebenserfahrungen Ihr Seelsorgeverständnis geprägt?
Biografie, Theologie und Seelsorge hängen immer zusammen. Es ist ein Wechselgespräch. Hier in der Bahnhofkirche ist es besonders wichtig, dass man auf dem Laufenden darüber ist, was gerade aktuell ist. Ich muss das Fernsehprogramm lesen, damit ich weiss, wovon die Leute sprechen. Auch die Schlagzeilen des «Blick» muss ich kennen. Und heute muss man auch über Facebook, Twitter und Instagram Bescheid wissen. Wenn ich das nicht kenne, nimmt mich mein Gegenüber nicht ernst.

Sie kochen leidenschaftlich gerne – wenn Sie ein Rezept für ein gelungenes Leben zusammenstellen müssten, wie sähe das aus?
Gäste, gute Lebensmittel und eine Prise Lebensfreude. Damit meine ich, dass man Feste feiern soll, Freundschaften pflegen und ja, ein gutes Stück Fleisch und frisches Gemüse gehören für mich auch dazu. Dazu braucht es nicht viel, denn auch in grösster Armut kann man tolle Feste feiern. Man kann auch eine irrsinnig feine, einfache Suppe auftischen.

Und was sind die Zutaten für ein unglückliches Leben?
Unglücklich macht, wenn man das Gefühl hat, man ist allein, man kann niemanden begeistern. Dann ist man in einem Vakuum. Gut ist es, wenn man Freundschaften hat, die man schon vor einer Lebenskrise gepflegt hat. Das soziale Netzwerk ist etwas vom Wichtigsten im Leben. Zu uns kommen Leute, die nicht einmal mehr mit der Ursprungsfamilie Kontakt haben. Oder solche, die zwar 150 Freunde haben, aber keinen richtig guten Freund.

Sie sind ein grosser Blues-Fan. Hat Blues für Sie etwas Spirituelles?
Ich weiss nicht, was Spiritualität ist. Eine gute Diskussion bei einem Glas Bier oder Wein kann ebenso spirituell sein wie ein Gottesdienst. Ich bin ein emotionaler Mensch. Da muss man manchmal auch Dampf ablassen. Das kann ich mit dem Blues. Schon in der Studienzeit habe ich zu Bluesmusik expressives Tanzen organisiert. Das hat die biederen Theologiestudenten hinter dem Ofen hervorgelockt. Ich höre aber auch andere Musik, zum Beispiel Bach. Ich bin überzeugt: Heute wäre Bach ein Blueser und er würde das Zwölf-Takt-Schema sprengen.

Ihr aktuelles Weg-Wort auf der Website der Bahnhofkirche ist mit «Tun und Lassen» betitelt: Was werden Sie nach der Pensionierung tun und was werden Sie lassen?
Ich will noch so oft wie möglich Gottesdienste halten, das ist das grösste Zückerchen für einen Theologen. Es gefällt mir immer noch, ein Bibelwort für die heutige Zeit auszulegen. Ich sehe es als Privileg, dass die Menschen in die Kirche kommen und mir zuhören. Was ich lassen werde: Mich in der Kirche aufzureiben. Ich bin kein angepasster Mensch und war manchmal wie ein Elefant im Porzellan-Laden, wenn es in der Synode um politische Spielchen ging. Ich möchte mich nicht mehr mit solchen Themen auseinandersetzen. Ich glaube, die dringend nötige Veränderung für die Kirche kommt von der Basis und nicht von oben. Die Kirche muss frecher werden!

Wenn Sie Ihre berufliche Laufbahn nochmals beginnen könnten, würden Sie etwas anders machen?
Nein. Ich konnte sowieso nicht machen, was ich wollte, Gott hat mir immer reingeredet. Und ich glaube, dass er mich auf diese Stelle berufen hat. Aber jetzt habe ich mein Pulver verschossen. Jetzt soll ein anderer kommen, der das aber bitte mit Herzblut macht und nicht nur als Job.

Und zum Schluss: Wissen Sie, was sich in den blauen Bahnhof-Schliessfächern versteckt?
Gepäck, schmutzige Wäsche und jetzt vor Weihnachten viele Geschenke. Die Fächer werden nach 96 Stunden geleert. Meist ist dann ein Koffer mit schmutziger Wäsche drin, der auch auf dem Fundbüro nicht mehr abgeholt wird. Im übertragenen Sinn kommen manche auch zu uns Seelsorgern, um ihre schmutzige Wäsche zu waschen oder um schlecht über andere zu reden. Aber das akzeptiere ich nicht. Ich konfrontiere die Leute auch mit dem, was sie mir erzählen. Einmal den Kropf leeren ist OK, aber bei ganz derben Sachen sage ich auch mal Stopp.

Nathalie Dürmüller / ref.ch / 20. Dezember 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Die Bahnhofkirche
Die ökumenische Bahnhofkirche im Zürcher Hauptbahnhof wurde im Juni 2001 als erste Bahnhofkirche der Schweiz eingeweiht. Aufgebaut wurde sie von Toni Zimmermann (katholisch) und Roman Angst (reformiert). Neuer reformierter Bahnhofpfarrer ab 1. Januar 2017 ist Theo Handschin, zurzeit Pfarrer in Greifensee. Die Bahnhofkirche wird täglich von 300 bis 500 Personen besucht, 40 Prozent davon sind Männer. Getragen wird sie von der reformierten und katholischen Kirche des Kantons Zürich und den jeweiligen stadtzürcherischen Kirchgemeindeverbänden. Website