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Gesellschaft

Ziele und Träume nicht aus den Augen verloren

28.12.2016
Ihr Studium an der Universität Zürich steht vor dem Abschluss – und damit ist unsere Autorin am andern Ende eines langen Ausbildungsweges angelangt. Zeit, um Rückschau zu halten.

In der Oktober-Ausgabe von «ReformiertGL» habe ich von den «Erstis» (Studenten im 1. Semester) an der Uni berichtet. Selber befinde ich mich quasi am anderen Ende des Weges. Bald schliesse ich mein Studium ab und breche zu neuen Ufern auf. Ich werde froh sein um einen prall gefüllten Rucksack. Aus Veranstaltungen in Vorlesungssälen, in den Pyrenäen und auf dem Zürcher HB wird mir vieles in Erinnerung bleiben.

Graben und Suchen

Das wichtigste, was mein Studium mich gelehrt hat, ist, an Dingen dran zu bleiben, auch wenn ich sie nicht im ersten Anlauf verstehe. Ich habe gelernt, Antworten auch einmal etwas weiter zu suchen, als ich es zuerst geplant hatte. Ich habe gelernt, dass nicht alles Spannende zugleich auch nützlich ist, und dass man sich andererseits einfach nur aus Spass an der Freude für etwas interessieren darf. Auch habe ich entdeckt, dass ich mich manchmal durch scheinbar uninteressante Passagen kämpfen muss, weil nur so die wirklich interessanten Teile erreichbar sind.

Ich habe Geschichten kennengelernt, die ich «extra muros», also aus-serhalb der Uni-Mauern, niemals gelesen hätte. Manche Texte waren leicht, andere haben sich mir monatelang entzogen, und ich musste mir jedes Stück Verständnis hart erkämpfen.

Manche Texte sind mir auch nur dadurch ans Herz gewachsen, weil ich sie mir so hart erarbeiten musste. Eigentlich hat mir erst das Studium die Freude am Graben und am Suchen so richtig vermittelt. Manchmal macht erst ein beschwerlicher Weg ein Ziel wirklich lohnenswert.

Natürlich gab es Momente, in denen ich mein Studium verfluchte. Nach ein paar Semestern musste ich erst wieder lernen, dass es in Ordnung ist, Literatur zu lieben und zu hassen und ein Buch auch mal in die Ecke zu schmeissen, wenn lauter Schrott drinsteht. Im Studium haben wir uns oft interpretativ mit Texten beschäftigt, wir nahmen sie auseinander, zerstückelten und analysierten sie, unabhängig von unseren Vorlieben und Geschmäckern. Und erst nach ein paar Semestern konnte ich einen Text wieder als Ganzes wertschätzen.

Fantasy und Harry Potter

Erst nach einer Weile wurde mir klar, dass ich die Erlaubnis habe, neben Goethe noch Fantasy-Bücher zu lesen, Kinder- und Jugendliteratur auf meinem Nachttisch liegen zu haben und mich von Büchern wie Harry Potter mitreissen zu lassen. Heute lese ich diese Bücher aber trotzdem anders als noch in der Schule.

Vor allem aber hat mich mein Studium gelehrt, neben all den oberflächlichen Notwendigkeiten, die das Leben sichern, meine Ziele und Träume nicht aus den Augen zu verlieren. Manchmal braucht es eben etwas Durchhaltevermögen, um sich durch die anstrengenden Passagen zu den angenehmen Abschnitten eines Weges vorzuarbeiten.

Melina Rüegg / 26. Dezember 2016