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Gesellschaft

«Aufräumen ist etwas Persönliches»

Marcel Schwendener räumt Wohnungen und schafft das Verkaufbare in die Brockenstube Hiob. Für den einen ist es Gerümpel, für den anderen wertvolle Erinnerungen, stellt er fest.

«Uaah, so viel Gerümpel.» Das könnte man denken, wenn man die Wagenladung der Brockenstube Hiob betrachtet. Marcel Schwendener, Brockenstubenleiter, sieht das anders – mit dem Kennerblick. «Da ist ein Kontrabass dabei, sechs Gitarrenhälse sind zu sehen, ein Harmonium ist dabei, ein Keyboard und ein Gasofen, der übrigens immer noch im Laden steht.»

Es sei eine der abenteuerlichsten Räumungen in letzter Zeit gewesen, beurteilt er die Wagenladung. Eine, die auch beim Stichwort «verkaufbar» auf der positiven Seite verbucht werden kann. Denn diese Frage stelle sich immer, wenn in einer Wohnung geräumt werden müsse, so Schwendener. «Bücher haben es dabei schwer.» Im wahrsten Sinne. «Sie gehen in die Arme beim Transport, ins Gewicht beim Entsorgen und sind schwer zu verkaufen.» Schwer tun sich viele Kunden, so Schwendener, auch damit, sich von Büchern zu trennen. Zum Teil schwerer als von ganz persönlichen Fotos.

«Zeig mir, wie du wohnst, und ich weiss, wer du bist», sagt Schwendener. Aufräumen sei etwas Persönliches. Wie bei einem Herrn, dessen Frau gestorben war und es galt, die Hälfte des Haushalts auszuräumen. «Ja, der Herr wollte alles, was seiner Frau einmal gehörte, weggeben.» Schwendener sagt es erstaunt, denn: «Ich dachte, dass das nicht möglich ist, schon gar nicht in Anwesenheit des Wohnungsbesitzers. Aber es blieb am Ende ziemlich genau die Hälfte übrig.»

Die Leute von Hiob kennen ihre Kundschaft oft über viele Jahre, ja Jahrzehnte. «Ein Herr kaufte bei uns regelmässig ein und wir fragten uns, wo er das alles hinstellt. Wir sahen, wie seine Gesundheit schlechter wurde, dann kam der Auftrag, seine Wohnung zu räumen, weil er ins Altersheim umzog.»

Dem Herrn ging es schon bald wieder besser. «Er kam wieder und kaufte ein», schmunzelt Schwendener und freut sich über seine Genesung. Im Herbst werde bei Hiob eher gekauft, im Frühjahr gehe man aufräumen. «Wenn die Leute im Herbst mehr zu Hause sind, merken sie, was fehlt. Wenns draussen wärmer wird, gehen nicht nur die Menschen ausser Haus, sondern auch nicht mehr benötigte Dinge.»

Franz Osswald, Kirchenbote, 30.12.2016