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Gesellschaft

«Kunst braucht Chaos und Ordnung»

Jennifer Burkard ist Kuratorin für Gegenwartskunst im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen. Kunst sei auch chaotisch, meint sie. Mit den Vorurteilen gegenüber zeit-genössischer Kunst räumt sie hingegen gerne auf.

Es wirkt chaotisch, unaufgeräumt, zufällig. Die Skulpturen und wild zusammengewürfelten Alltagsgegenstände, Zeitungsausschnitte und Busfahrscheine. Die Fotografien der grottenartigen Collage-Raum-Skulptur des Dada-Künstlers Kurt Schwitters erinnern an die Wohnung eines Messies. Auch Jennifer Burkard sieht darin einen Hang zum Chaos. Einordnen lasse sich das Kunstwerk aber trotzdem.

Man darf sich nicht vorstellen, dass die Kuratorin gerne Ordnung bringen würde in die wild zusammengewürfelte Kunstwerke von Schwitters. Sie denkt vielmehr ans Ordnen im Sinne von Einordnen. Denn Kunst einordnen sei die Aufgabe von Kuratorinnen und Kuratoren. «Durch das Einordnen kann man Verständnis schaffen für den Kontext, aus dem ein Kunstwerk entstanden ist», sagt die Kunsthistorikerin. Das ermögliche eine gefühlsmässige Verbindung zu einem Werk. Und darum gehe es im Wesentlichen. «Kunst kommt vom Herzen des Künstlers und geht zum Herzen des Betrachters», sagt die Kuratorin in Anlehnung an Marianne Werefkin.

Viele Menschen verbinden Kunst und Künstler mit Chaos. Manche Künstler bestätigen das Vorurteil. Der legendäre Andy Warhol zum Beispiel war ein bekennender Messie. Man findet Eindrücke von Chaos aber auch bei den bedeutenden Malern des Expressionismus wie Wassily Kandinsky oder Franz Marc. Bedeutet Kunst automatisch Chaos? Jennifer Burkard verneint. «Im Abstrakten Expressionismus in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geht es wild zu und her», sagt sie. Im Gegensatz dazu stehe jedoch der Minimalismus. «Künstler wie der Amerikaner Donald Judd haben sich dabei auf ganz klar geordnete Formen und Farben beschränkt.» Da gäbe es beim besten Willen nichts mehr aufzuräumen. Gerne aufräumen würde Jennifer Burkard hingegen mit den Vorurteilen gegenüber der Gegenwartskunst. «Viele Menschen denken, ein Kunstwerk soll schön sein und handwerkliches Können zeigen», sagt sie. «Es gibt aber auch Kunstwerke, bei denen es ums Nachdenken geht, um die Infragestellung unserer Sicht auf die Dinge.» Die seien dann nicht unbedingt schön oder kunstfertig. «Das kann eine einfache Neonröhre sein», sagt Burkard. Die Rolle des Betrachters, seine Reaktionen, rücken damit in den Vordergrund.

«Die zentrale Frage ist: Wie wirkt etwas auf mich?» Das sei eine Frage, die man sich unabhängig von Chaos oder Ordnung stellen könne und die immer das Eine bringe: einen differenzierten Blick auf die Welt.

Adriana Schneider, Kirchenbote, 30.12.2016