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Kirche

Wenn die Schönheit der Pfarrerin wichtiger ist als die Predigt

Ein Journalist und Theologe hat einen reformierten Gottesdienst besucht. Beein-druckt hat ihn nicht die Predigt, sondern die Schönheit der Pfarrerin. Das hat einen Shitstorm ausgelöst und ihm den Vorwurf des Sexismus eingetragen.

«Eine Begegnung mit Gottes Schönheit», «eine gut aussehende Frau: Ein Bild für Gott», «man könnte sie sich in ihrem eleganten Suit auch als Bankangestellte oder Stewardess vorstellen»: So tönt es, wenn der 40-jährige Remo Wiegand den Gottesdienst einer jungen reformierten Pfarrerin besucht und darüber schreibt.

Der katholische Journalist und Theologe ist seit kurzem als Gottesdienst-Tester im Auftrag des Zentralschweizer Onlinemaga-zins Zentralplus unterwegs. Seine Eindrücke und Empfindungen in den Gottesdiensten beschreibt er süffig und locker und verteilt zur Bewertung Kreuze. Im Dezember tat er dies in Cham unter dem Titel «Die Reformierten und die schöne Pfarrerin». Dabei machte ihm nicht die Predigt und ihre theologischen Inhalte Eindruck, sondern eben die junge Pfarrerin und ihr Aussehen.

Er spekulierte dazu, dass die Pfarrerin um ihr gutes Aussehen wisse, aber gerade im Kirchenraum Mühe hätte, damit zu leben. «Gottes Schönheit» komme noch nicht wirklich aus sich heraus, schrieb Wiegand und wünschte der Pfarrerin, die erst ihren zweiten Gottesdienst überhaupt bestritt, «mehr Souveränität». Ihre Persönlichkeit bewertete er als «under construction» mit dem Zusatz: «Könnte der Talar, das reformierte Pfarrersgewand, helfen, in die noch fremde Rolle zu schlüpfen?»

Fragwürdiges Frauenbild
Das hat nun in den sozialen Medien einen eigentlichen Shitstorm ausgelöst. Von mehreren Seiten wurde Wiegand Sexismus vorgeworfen. Auf dem Portal von Zentralplus empörte sich eine Gruppe von Theologinnen: «Wir verstehen nicht, wie sich ein Theologe in solcher Weise über eine Pfarrerin im Rahmen ihres Gottesdienstes äussern kann.» Im Blog diesseits.ch der reformierten Zürcher Landeskirche war von «sexistischer Haltung», «fragwürdigem Frauenbild», der «männlich eingeschränkten Sichtweise» und dem «Definieren weiblicher 90-60-90-Schönheit» die Rede. Der Bericht vermittle den Eindruck «dass alle Männer nur zum Glotzen kommen», er sei «ein Beitrag zum fremdschämen».

Klartext sprachen auch Pfarrerin Sibylle Forrer (Rüschlikon) und Pfarrer Michael Wiesmann (Uetikon), die regelmässig auf diesseits.ch Beiträge verfassen. Die Beurteilung des Gottesdienstes sei gründlich misslungen. Von diesem selber sei kaum etwas zu lesen. Stattdessen würden Männerfantasien bedient. «Sexismus beginnt dort, wo Menschen auf ihre äusseren Merkmale reduziert werden.»

Standpunkt als Mann
Der Shitstorm und die Kritik veranlassten Remo Wiegand zu einer Replik auf diesseits.ch, in der er seine Beweggründe zu erläutern versuchte. Den Standpunkt als Mann, den er in seinem Artikel bewusst eingenommen habe, rechtfertigt er in der Replik damit, dass Männer eine Frau schön finden und sie «weiterhin für voll nehmen, sie gescheit, lustig oder langweilig finden» könnten. Zur Schöpfung gehöre die sinnliche Empfindung, die Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit. Die Realität der Verschiedenheit von Menschen gelte es gerade in der Kirche anzunehmen statt sie zu verurteilen, dies ohne der Gleichwertigkeit von Mann und Frau Schaden anzutun.

Ob er damit seine Kritiker überzeugen kann, darf angezweifelt werden. Wiederholte er doch seine Beschreibungen von der «jungen, gut aussehenden Pfarrerin», von der er sich angezogen gefühlt habe, von der «Botschafterin für die Schönheit Gottes».

Auf Anfrage erklärt Wiegand, der Artikel sei in erster Linie für ein kirchenfernes, junges und tendenziell linksliberales Publikum verfasst und komme darum in einem augenzwinkernden, leichtfüssigen Ansatz daher. Von einem theologischen Fachpublikum, wie es sich vorwiegend in den sozialen Medien geäussert habe, erwartet er mehr Verständnis für den von ihm gewählten Ansatz: «Ich reflektiere ein gottesdienstliches Erlebnis, nicht nur die Predigt.»

Wiesmann kann er damit nicht überzeugen. Der Uetiker Pfarrer räumt zwar ein, ein Diskurs darüber, inwiefern Gottes Schönheit in der Schöpfung und im einzelnen Geschöpf erkennbar sei, könne durchaus interessant sein. Wiegands Text hingegen, in dem die Pfarrerin in Ausübung ihres Amtes auf Alter, Geschlecht und Aussehen reduziert werde, sei ein «Paradebeispiel für Sexismus».

Stefan Schneiter / reformiert. / 5. Januar 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbo-te» und «ref.ch».