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Gesellschaft

Pflege von Angehörigen – die Kirche hilft wenig

In der Schweiz pflegen rund eine Viertelmillion Menschen ihre betagten Angehörigen. Oft mit grossem Aufwand und im Stillen. Die kirchliche Diakonie kümmert sich bislang kaum um sie. Ein neues Buch versucht, Gegensteuer zu geben.

Mit den demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft steigt die Zahl alter Menschen stetig an. Entsprechend auch die Zahl derjenigen, die pflegebedürftig sind. Diese Pflege übernehmen oftmals Ehepartner, Kinder oder weitere Angehörige und leisten diese nicht einfach nebenher, sondern unter grossem zeitlichen und physischen Aufwand. Laut einer Studie des Spitex Verbands Schweiz leisteten Angehörige im Jahr 2013 hierzulande rund 64 Millionen Pflege- und Betreuungsstunden. Müsste diese Gratisarbeit bezahlt werden, würde das gemäss der Studie 3,5 Milliarden Franken kosten, was das Gesundheitswesen der Schweiz massiv verteuern würde. Auch der zeitliche Aufwand ist enorm: Laut einer Studie von 2010 lag der zeitliche Aufwand für pflegende Partner bei 60 Stunden pro Woche, für Kinder, die ihre Eltern pflegen, bei 30 Stunden.

«Grosse Lücke»
Simon Hofstetter hat ein Buch geschrieben, in dem er sich ausführlich mit der Thematik befasst und beleuchtet, wie die Kirchen in diesem Bereich aktiv werden könnten. «Das Unsichtbare sichtbar machen. Pflegende Angehörige und der diakonische Auftrag der Kirchen» lautet der etwas sperrige Titel des Buches. Hofstetter, Beauftragter für Recht & Gesellschaft beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), hat mit dieser Schrift im Fach Diakoniewissenschaft an der Uni Bern doktoriert. Für ihn ist klar: «Der Pflege- und Betreuungsbedarf wird in der Schweiz in Zukunft noch stark zunehmen, da warten grosse Herausforderungen auf die Gesellschaft. Die Kirchen tun gut daran, im Bereich der Angehörigenpflege ein Angebot aufzubauen.» Die Kirchen seien zwar mit ihrem diakonischen Angebot in der Altersarbeit gut aufgestellt, doch sei der Fokus ausgerichtet auf die betagten Menschen selber, nicht aber auf die Unterstützung der pflegenden Angehörigen. In der kirchlichen Diakonie liegen bislang noch keine Ansätze vor, um der Angehörigenarbeit grössere Beachtung in der diakonischen Arbeit zu schenken. Hofstetter: «Da besteht heute eine grosse Lücke.»

Mit seinem Buch möchte er diese Lücke schliessen. Es zielt darauf ab, die pflegenden Angehörigen in den Fokus der kirchlichen Diakonie zu rücken. Im ersten von drei Teilen wird die bestehende Situation analysiert und aufgezeigt, wo die Probleme liegen. Im zweiten Teil stehen die pflegenden Angehörigen und deren Situation im Zentrum. Im dritten Teil geht es um die praktische Umsetzung und um konkrete Handlungsmöglichkeiten für die Diakonie. «Ich versuche darin aufzuzeigen, wie die Kirche und die einzelnen Kirchgemeinden mit ihren sozialdiakonischen Profis und den vielen Freiwilligen ein Unterstützungssystem aufbauen können, um betroffene Angehörige zu entlasten und ihnen Freiräume zu ermöglichen.» Kirchgemeinden sollen etwa ihre spezifischen Kompetenzen vor Ort nutzen und gezielt ein System von auf Angehörige ausgerichteten Besuchs- und Entlastungsdiensten aufbauen. Konkrete Beispiele werden in dem Buch etwa aus Skandinavien oder aus den Niederlanden vorgestellt, ebenso wie das 2010 in Zürich entwickelte Pilotprojekt «va bene» mit seinem aufsuchenden Beratungsangebot.

Zielgruppe Fachpublikum
Das rund 400-seitige Buch richtet sich mit seinem streng wissenschaftlichen Ansatz weniger an eine breite Leserschaft. Wesentliche Erkenntnisse vermag es hingegen allen diakonisch Engagierten in der Kirche zu vermitteln, von Pfarrpersonen bis hin zu Sozialdiakoninnen und Sozialdiakonen. Es gibt Anregungen, wie sie in der Angehörigenarbeit sowohl vor Ort wie auch auf gesamt-gesellschaftlicher Ebene aktiv werden können.

Stefan Schneiter / reformiert. / 12. Januar 2017

Simon Hofstetter: Das Unsichtbare sichtbar machen. Pflegende Angehörige und der diakonische Auftrag der Kirchen, TVZ Zürich. 2016, 400 Seiten 68 Franken

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».