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Gesellschaft

«Niklaus von Flüe rückte mir mehr und mehr auf die Pelle»

2017 wird 600 Jahre Niklaus von Flüe gefeiert. Der Schauspieler Markus Amrein kennt ihn wie kaum ein anderer. Für das SRF-Format «Die Schweizer» schlüpfte er 2013 in die Rolle des Einsiedlers. Zum Jubiläum wird er erneut den Schweizer Nationalheiligen verkörpern. Ein Gespräch darüber, was «Bruder Chlaus» uns heute noch zu sagen hat.

Markus Amrein, sie sind wie Niklaus Innerschweizer. Wollten sie schon immer Bruder Chlaus spielen?
Ich war eigentlich nicht für die Rolle vorgesehen. Man lud mich damals zum Casting für eine andere Rolle ein. Ich hätte den Priester Heini Amgrund spielen sollen. Als ich den Hörer auflegte, wurde mir klar, dass ich eigentlich gerne selber den Niklaus spielen wollte. Ich meldete mich nochmals zurück und konnte für beide Rollen vorsprechen. Sie nahmen mich als Niklaus.

Haben Sie als Innerschweizer einen speziellen Bezug zu Niklaus?
Ich habe viele Kindheitserinnerungen. Er wurde verehrt. Wenn ich mit meinen Eltern auf Besuch bei Bekannten und Verwandten war, sah ich oft Heiligenfigürchen oder Bilder vom Bruder Klaus. Er hatte für mich etwas «Gfürchiges». Mir war es nicht ganz geheuer, dass der Mann in dieser Schlucht gelebt und nichts gegessen hatte. Das hatte aber auch etwas Faszinierendes. Wir besuchten immer wieder seine Eremitenzelle. Sie ist ein Ort mit einer sehr speziellen Atmosphäre.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Im Grunde war es dasselbe wie bei jeder Figur. Es ist ein längerer Prozess der Auseinandersetzung. Als Schauspieler kann ich immer nur mich selber und meine Erfahrungen mit ins Spiel bringen. Ich las Bücher über Niklaus und seine Zeit. Ich besuchte Flüeli-Ranft und die Schlucht und liess die Atmosphäre auf mich wirken. Mit der Zeit merkte ich, wie mir Niklaus immer mehr auf die Pelle rückte.

Was meinen Sie damit?
Niklaus ist eine sehr starke Figur. Er traf eine radikale Entscheidung in seinem Leben. Er gab sein soziales Ansehen, seinen Reichtum, seine politischen Ämter auf und zog sich zurück. Das provozierte mich, traf mich in meinem Kern. Ich wurde auf grundlegende Fragen nach dem Leben, auch meinem eigenen Leben zurückgeworfen. Was soll ich in dieser Welt? Wer bin ich? Ich merkte, dass ich gar nicht anders kann, als mich selbst auch so zu befragen.

Niklaus von Flüe war zwar Mystiker und zog sich von der Welt zurück. Dennoch geht er in die Geschichte als nationale Integrationsfigur ein. Warum wurde er so wichtig?
Niklaus lebte in einer sehr unsicheren Zeit. Es gab in der Kirche aber auch in der Politik viel Korruption. Niklaus war eine aufrichtige, durch und durch ehrliche Figur, der sich nicht verbiegen liess. Seine innere Not zwang ihn, ganz auf das zu setzen, was wirklich zählt. Darum erlangte er diesen Einfluss und dieses Vertrauen. Er zog sich aus der Gesellschaft und der Politik zurück, und die Welt kam auf ihn zu, um sich seinen Rat zu holen. Das ist unglaublich stark. Niklaus hatte etwas sehr Verbindendes.

Auch wir leben in einer unsicheren Zeit mit viel Lügen und Unaufrichtigkeit. Gibt es auch heute noch einen Niklaus?
Heute ist alles individualistischer. Ich glaube, es gibt keinen Niklaus mehr. Aber wir können von Niklaus lernen: Heute ist jeder selber verantwortlich und hat auch die Freiheit, sich seinem Innern zuzuwenden, nach Aufrichtigkeit zu streben und sich mit dem Platz in der Welt auseinanderzusetzen. Es muss ja nicht so radikal wie bei Niklaus sein.

Dieses Jahr feiern wir nicht nur 600 Jahre Niklaus, sondern auch 500 Jahre Reformation. Was würde Niklaus den Reformierten sagen?
Ich glaube, Niklaus kann eine starke Integrationsfigur jenseits der Konfessionen sein. Er war immer gegen Bruderstreitigkeiten. Er suchte das Verbindende. Auch auf institutioneller Ebene. Er wäre wohl ein Mann der Ökumene.

Sie sprechen mit sehr viel Ehrfurcht über Niklaus. Gibt es keine dunklen Seiten? Immerhin verliess er seine Frau Dorothea, seine Kinder und seinen Hof. Hatte sein Rückzug nicht auch etwas Egoistisches?
Niklaus hat zwei Jahre mit dieser Entscheidung gerungen. Und er hat diesen Schritt mit seiner Frau gemeinsam gefällt, da bin ich mir sicher. Niklaus wäre ohne seine Frau gar nicht denkbar. Sie ist für mich wie seine ergänzende Seite. Er wurde ganz spirituell, sie übernahm das Weltliche. Es gibt die Gottesliebe und die Menschenliebe. Die Liebe zwischen beiden blieb.

Sie werden zum Jubiläumsjahr wieder auf der Bühne in einem Stück über Niklaus von Flüe zu sehen sein. Werden Sie sich dafür Bart und Haare wachsen lassen?
Nein, sicher nicht. Ich hatte übrigens auch in «Die Schweizer» Perücke und falschen Bart (lacht). Im Ernst: Die Proben haben noch nicht begonnen, der Text ist noch nicht fertig. Soviel ist aber klar: Das Stück wird kein Kostümdrama. Es geht mehr um das Mystische bei Niklaus von Flüe und um die Frage, was uns dies heute sagt.

Susanne Leuenberger / ref.ch / 1. Februar 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Niklaus von Flüe (1417-1487) verbrachte die letzten 20 Jahre seines Lebens als Einsiedler in Flüeli Ranft. Hier führte er ein intensives Gebetsleben. Angeblich soll er sich nur von Wasser und der Heiligen Kommunion ernährt haben. Der Asket war auch als politischer Berater wichtig. 1481 soll er die alten acht Orte der damaligen Eidgenossenschaft vor einem Zerwürfnis bewahrt haben und ging deshalb als Nationalheiliger in die Geschichte ein. 600 Jahre nach seiner Geburt finden unter dem Dach des staatlich-kirchlichen Trägervereins «Mehr Ranft» diverse Anlässe und Feierlichkeiten statt. Im Herbst 2017 kommt im Kloster Kappel ein Theaterstück von Simon Jenny zur Uraufführung. Markus Amrein (siehe Interview) übernimmt die Rolle des Niklaus von Flüe. www.mehr-ranft.ch