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Gesellschaft

Pazifist erobert Hollywood

Mel Gibsons Film «Hacksaw Ridge» geht mit sechs Nominierungen in die Oscarverleihung. Er erzählt die wahre Geschichte eines US-Soldaten, der in den Zweiten Weltkrieg zieht – und aus Glaubensgründen keine Waffe trägt. Der Mennonit Jürg Bräker erklärt, wie weit Pazifismus heute geht.

Die Zuschauer sehen die Hölle. Ein brennendes Inferno, in dem sich US-Soldaten im April 1945 vorwärts schlagen, um Okinawa zu erobern. Regisseur Mel Gibson ist unzimperlich und beleuchtet die Brutalität des Krieges schmerzhaft authentisch. Der Tod ist allgegenwärtig, die Soldaten sterben durch Gewehrkugeln, Granaten und Feuer. Die Bilder zeigen zerfetzte Gliedmassen und verstümmelte Leichen. Mittendrin ist Desmond T. Doss. Der US-Soldat trägt keine Waffe. Und rettet Leben. Im Alleingang schleppt der Sanitäter 75 Verwundete vom Schlachtfeld. Und bekommt am Ende dafür die «Congressial Medal of Honor», die höchste militärische Auszeichnung der amerikanischen Regierung.

Desmond T. Doss lehnt das Tragen einer Waffe ab aus Glaubensgründen. Der bekennende Anhänger der Siebenten-Tags-Adventisten richtet sich nach dem fünften biblischen Gebot «Du sollst nicht töten». Als er darauf besteht, seine patriotische Pflicht dennoch zu erfüllen, landet er vor dem Kriegsgericht. Er kämpft darum, unbewaffnet in den Krieg ziehen zu dürfen – und gewinnt.

Was nach einer Erfindung der Traumfabrik Hollywood klingt, ist eine wahre Geschichte: Regisseur Mel Gibson verarbeitet in seinem Film das Leben des Pazifisten Desmond T. Boss. «Hacksaw Ridge» gilt als Favorit bei den diesjährigen Oscarverleihungen am 26. Februar.

Waffe nein, Militär ja
Auch beim heutigen Schweizer Militär muss sich durchsetzen, wer die Rekrutenschule ohne Gewehr durchlaufen will. «Politische Gründe reichen da nicht aus», sagt Jürg Bräker, Generalsekretär der evangelischen Mennoniten-Gemeinde in Bern, «es muss eine Gewissensnot vorliegen.» Die Mennoniten sind eine Freikirche. Einer ihrer Grundsätze seit ihrer Gründungszeit im 16. Jahrhundert ist die Gewaltlosigkeit.

Genau wie Desmond T. Doss waren viele Mennoniten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs Patrioten. «Sie waren der Meinung, dass man dem Staat loyal zu dienen habe», sagt Bräker. So wurde das Tragen einer Waffe meist abgelehnt, der Militärdienst jedoch geleistet. Im Film «Hacksaw Ridge» ringt Doss mit der Frage, wie man die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen kann, ohne sich schuldig zu machen. «Desmond T. Doss hat seine persönliche Lösung gefunden durch waffenfreien Dienst. Er unterstützt jedoch das System», sagt Bräker. Diese Haltung stehe in Mennonitengemeinden aktuell in der Kritik. «Wir denken bei der Gewaltanwendung heute wesentlich staatskritischer.»

Umfassende Gewaltfreiheit
Die heutige Friedenstheologie bedeute Gewaltfreiheit. «Das ist viel umfassender als nur keine Waffe zu tragen», sagt Bräker. «Gewaltfreiheit betrifft alle Lebensbereiche.» Heute stelle sich die Frage nach der Verantwortungsethik. «Wir suchen nach gewaltfreien Formen von Widerstand.» Ein Beispiel dafür sei die Bewegung «Christian Peacemakerteams», die in Krisengebieten Beobachtungs- und Begleitaufträge wahrnimmt, vergleichbar mit den UNO-Blauhelmen. «Durch unsere Präsenz wollen wir Gewalt verhindern», sagt Jürg Bräker. Gewaltfreie Alternativen brauchten jedoch mehr Zeit als bewaffnete Interventionen. Untersuchungen wie jene des Friedensforschers Markus Weingardt hätten klar gezeigt, dass nachhaltige Veränderungen häufiger durch gewaltfreie Interventionen erzielt werden als durch Waffen.

Die heutige Friedenstheologie stellt die Frage nach gewaltfreier Konfliktlösung. Dazu gehören auch die Frage von bewaffneten Polizeieinsätzen und die Haltung der Politik gegenüber der Waffenindustrie. Auf diese aktuellen Fragen unserer Zeit gibt der Film «Hacksaw Ridge» keine Antworten. Er zeigt jedoch, was der Glaube eines Einzelnen bewirken kann, der mutig seinem Gewissen folgt, auf Leben und Tod.

Adriana Schneider / Kirchenbote / 21. Februar 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Veranstaltungshinweis: Jürg Bräker spricht am 7. März um 19.30 Uhr in der Gemeindestube Schleitheim SH im Rahmen des Reformationsjubiläums zum Thema «Täuferische Reformation damals und heute». Im Zentrum dabei steht das «Schleitheimer Bekenntnis», die erste ausformulierte Bekenntnisschrift der Täuferbewegung.