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Religionen

Baselland: Heiratswillige Pfaffen und Spanferkelschmaus

Im Jahr 1517 schlug Luther seine 95 Thesen an die Pforte der Schlosskirche in Wittenberg. Der Basler Reformator Oekolampad und mutige Pfarrer verbreiteten die neue Lehre auch im Baselbiet. Doch erst 1529 setzte sich die Reformation auf der Landschaft wirklich durch.

Stephan Stör, der Pfarrer von Liestal, tritt im November 1523 zusammen mit seiner Haushälterin und den vier gemeinsamen Kindern vor den Schultheiss und den Rat der Stadt Liestal. Er macht diese darauf aufmerksam, dass das Verbot der Priesterehe schriftwidrig sei und dass er deshalb um die Bewilligung zur Hochzeit ersuche, welche ihm auch erteilt wird.

Stör war nicht der Einzige, der sich aufgrund des Studiums der biblischen Schriften über Vorschriften der Kirche aufgehalten und sich ihnen aktiv widersetzt hat. Auch Jakob Immeli, von 1529 bis 1542 Pfarrer in Pratteln und in Münchenstein, heiratete seine Haushälterin: «Diser kezer ist der erst gesein, der under den paffen zBasel ein eheweib genommen.»

Spanferkel statt Wurst

Schon 1522 war es in Basel zu einem aufsehenerregenden Anlass gekommen: Am Palmsonntag, also während der Fastenzeit, fand im Klybeckschlösschen ein Spanferkelschmaus statt (bei Froschauer in Zürich war es bloss ein Wurstessen). Dazu eingeladen waren Priester, Studenten und humanistisch gesinnte Laien. Die Geistlichen betonten, sie hätten kein Gebot übertreten, sondern nur die einem Christenmenschen zustehende evangelische Freiheit in Anspruch genommen.

Diese Ereignisse machen deutlich, dass eine Reform der kirchlichen Verhältnisse angezeigt war. Basel war für solche Veränderungen ein guter Nähr-boden. Dies zeigen drei Begebenheiten, die eng mit der Stadt verbunden sind: zum einen das Basler Konzil, zum andern die 1460 gegründete Universität und zum dritten der Buchdruck, der in der Person von Johannes Froben einen Freund des Humanismus und der Reformbewegungen in der Stadt hatte.

Die Bauern begehren auf

Aber nicht nur eine Veränderung der kirchlichen Verhältnisse erwartete die Bevölkerung, sondern auch eine Befreiung von sozialpolitischen Lasten. Zwischen der Stadt und der Landschaft bestand ein deutliches soziales Gefälle. Darum kam es – und dies nicht nur in der Landschaft Basel – 1525 zum sogenannten Bauernaufstand, einer Auseinandersetzung zwischen Stadt und Land, die allerdings nicht blutige Formen angenommen hat – und darum auch nicht als Bauernkrieg bezeichnet werden sollte. Anfang Juni erhielten die Bauern Vertragsurkunden, die sogenannten Freiheitsbriefe. Diese erfüllten die Forderungen vor allem im materiellen Bereich.

Nach dem Bauernaufstand und trotz den Freiheitsbriefen setzte sich die Reformation auf der Landschaft nur schleppend fort. So drohte der Rat dem Priester von Kilchberg mit der Absetzung, wenn er nicht die Messe und das Halten der Jahrzeiten – beides hatte er abgeschafft – wieder einführe. In Pratteln und Munzach wurden die reformgesinnten Pfarrer wieder von altgläubigen abgelöst.

Täufer und Bilderstürmer

1527/28 bildeten sich in Liestal Täufergemeinschaften. Bereits 1528 kam es auf der Landschaft zu Bilderstürmen: In Oberdorf und Pratteln wurden die Malereien übertüncht, im fürstbischöflichen Therwil wurden die Bilder durch die Gemeinde zerstört. Der Bildersturm war aber auf der Landschaft keine wilde, spontane Aktion, sondern fusste in den Gemeinden auf Versammlungsbeschlüssen.

Der Herbst 1528 war für die Landschaft von entscheidender Bedeutung. Auf Anordnung Johannes Oekolampads wurde auf der Landschaft eine Visitation durchgeführt. Unmittelbar danach wandte sich Oekolampad im Herbst 1528 in einem Hirtenbrief an 13 Pfarrer der Landschaft und an 4 des bischöflichen Gebiets, welche das Evangelium verkündeten. Im Laufe des Jahres 1528 zeichnete sich die Entscheidung für die Reformation immer stärker ab. Und im Februar 1529 war es dann so weit.

Zünfte fordern die Reformation

In der Stadt nahmen die Zünfte die Zügel in die Hand. Sie waren es, die auf den 8. Februar 1529 eine Massenveranstaltung organisierten und den Rat unter Druck setzten. Am nächsten Morgen, also am 9. Februar 1529, dasselbe Bild: Der Rat debattierte im Innern des Rathauses, auf dem Marktplatz standen Tausende von bewaffneten Männern. In den Kirchen der Stadt kam es zu Bilderstürmen. Es gab kein Halten mehr. «Übermeistert» vom Volk gab der Rat seinen Entscheid bekannt, dass er die Forderungen des Volkes erfülle.

Damit war es offiziell: Basel – Stadt und Landschaft – schliesst sich der Reformation an. Bereits am 1. April 1529 liegt die Reformationsordnung vor. Und 1534 folgt das Basler Bekenntnis mit den fünf Hauptstücken des christlichen Glaubens sowie Bestimmungen zum Bann bis hin zum «Irrtum der Wiedertäufer».

Für die Gemeinden auf der Landschaft hatte der Beschluss des Rates von 1529 weitreichende Folgen. Ab sofort wurde die Messe nicht mehr gelesen, auch alles andere, was an frühere Zeiten erinnern konnte, wurde entfernt, so die Bilder und die Heiligenstatuen. Die Messgewänder, Chorröcke und Teppiche wurden inventarisiert und in abgeschlossenen Truhen aufbewahrt. Die Monstranzen, Kelche und Altarkreuze zogen die Vögte ein und lieferten sie nach Basel ab. Alles wurde später eingeschmolzen und dem Almosen überwiesen.

Die Untertanen erheben ihre Stimme

Anders als an andern Orten der Reformation war die Erneuerung der Kirche prozesshaft und erfolgte in langsamer und zäher Gangart. In Stadt und Landschaft Basel war auch nach der Reformation die Verknüpfung zwischen Obrigkeit und Kirche sehr eng, es zeigte sich diesbezüglich also kein Bruch in der Entwicklung.

Die Landschaft war von der Stadt abhängig. Doch zeigen sich deutlich Tendenzen der Eigenständigkeit. Die Untertanen erheben ihre Stimme, sie wollen in kirchlichen Fragen, wie zum Beispiel bei der Pfarrwahl, selber bestimmen können. Das hat später auch politisch seine Folgen – 1833, das Jahr der Kantonstrennung, zeichnet sich bereits am Horizont ab. Danach gibt es nicht mehr die Basler Kirche, sondern zwei getrennte reformierte Kirchen: eine für die Stadt und eine für die Landschaft.

Markus B. Christ, Kirchenbote, 22.2.2017

Alle wichtigen Informationen zur Reformation im Baselbiet unter http://www.ref-500-bl.ch/

Johannes Oekolampad 1482–1531

Johannes Oekolampad (ursprünglicher Name: Hans-Husschin) kommt im Jahr 1522 nach Basel und widmet sich der Herausgabe des griechischen Textes des Neuen Testaments von Erasmus. Oekolampad ist ab Herbst 1522 Korrektor in der Buchdruckerei Cratander und beginnt 1523 als theologischer Lehrer – und nicht als Prediger der Kirche – mit seinen Jesaja-Vorlesungen in lateinischer Sprache. 1529 wird er Antistes der Basler Kirche (Pfarrer am Münster, Vorsitzender der Synode und Vertreter der Kirche nach aussen). Er stirbt 1531. Verglichen mit Zwingli in Zürich und Calvin in Genf ist sein Wirken von relativ kurzer Dauer. Zudem ist die Reformation in Basel stärker prozess- als personenorientiert.