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Gesellschaft

«Lehrer müssen sich ihrer Geschichte mit Gott bewusst sein»

Seit zehn Jahren wird an der Zürcher Volksschule das Schulfach «Religion und Kultur» unterrichtet. Eva Ebel war an dessen Entwicklung beteiligt. Im Interview spricht sie über Kritik am Fach, über seine Zukunft im Rahmen des Lehrplan 21 und über Muslimas, die Schülern das Christentum näherbringen.

Frau Ebel, in gut einem Jahr soll in der Zürcher Volksschule der Lehrplan 21 eingeführt werden. Was bedeutet das für das Schulfach «Religion und Kultur»?
Wir sind sehr erleichtert, dass es in der Zürcher Primarschule ein eigenes Fach bleiben soll. In der Vernehmlassung haben sich ein breites Spektrum der Parteien von der SP bis zur SVP sowie die Glaubensgemeinschaften für die Beibehaltung ausgesprochen. Veränderungen gibt es trotzdem: Mit dem neuen Lehrplan gehört zusätzlich die Ethik zu diesem Fach. Das heisst, wir müssen ein neues Lehrmittel und Weiterbildungen für die Lehrpersonen entwickeln.

Sie haben die Glaubensgemeinschaften angesprochen. Wie beurteilen diese das Fach?
In der Mehrheit sind die Reaktionen sehr positiv. Vertreter mit evangelikalem oder freikirchlichem Hintergrund bemängeln manchmal, dass in «Religion und Kultur» zu wenig christliche Inhalte vermittelt würden. Dazu kann ich nur sagen: Die Kinder erfahren ja nicht nur in der Schule etwas über Religion. Für den konfessionellen Unterricht sind die Glaubensgemeinschaften verantwortlich, und sie müssen diese Verantwortung auch wahrnehmen. Die reformierte Zürcher Landeskirche hat dazu in den letzten Jahren mit dem Religionspädagogischen Gesamtkonzept (rpg) ein hervorragendes Konzept entwickelt. «Religion und Kultur» dagegen ist bekenntnisfreier Religionsunterricht. Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern Wissen über die Religionen zu vermitteln, nicht, sie in den Glauben einzuführen.

Werden in «Religion und Kultur» also keine biblischen Geschichten mehr erzählt?
Die Geschichten sind die gleichen. Der Unterschied liegt darin, wie und warum man eine Geschichte erzählt. Ein Beispiel: Die Lehrperson darf nicht mehr sagen «Wir Christinnen und Christen feiern an Weihnachten die Geburt Jesu, und das ist die biblische Geschichte dazu», sondern «Christinnen und Christen feiern an Weihnachten die Geburt Jesu und diese wird in der Bibel folgendermassen erzählt». Genau wie «Hindus feiern gerade das Fest Diwali und erzählen dazu die und die Geschichte.» Das ist nicht selbstverständlich, das muss geübt werden und ist ein ganz wichtiger Aspekt unserer Ausbildung.

Und Weihnachtslieder werden dann auch keine mehr gesungen?
Das kommt darauf an. Das Problem ist: Viele bekannte Weihnachtslieder haben sehr deutliche Bekenntnisaussagen, das ist uns oft nicht bewusst. Nehmen Sie nur das «Christ, der Retter» aus «Stille Nacht». Grundsätzlich gilt: Lieder, mit denen ich durch das Singen ein Bekenntnis ablege, dürfen durchaus in der traditionellen Schulweihnachtsfeier gesungen werden, aber nicht in «Religion und Kultur». Deshalb sage ich auch meinen Studierenden: «Schaut euch die Lieder genau an.»

Das klingt ganz schön anspruchsvoll. Die meisten Lehrpersonen sind doch in dieser christlich geprägten Kultur aufgewachsen.
Deshalb legen wir in unserer Ausbildung nicht nur Wert auf Fachwissen, sondern vor allem auf Rollenkompetenz. Im Lehrplan heisst es dazu: «Lehrerinnen und Lehrer sind sich ihrer eigenen Standpunkte und Überzeugungen bewusst und gehen sensibel und behutsam damit um.» Sie müssen sich bewusst machen, was ihre eigene Geschichte mit Gott und Religion ist, um dann die Inhalte neutral formulieren zu können. Deshalb brauchen inzwischen auch alle Unterrichtenden ein Lehrdiplom und die Lehrbefugnis für dieses Fach. Pfarrerinnen und Pfarrer, die das nicht haben, dürfen nicht «Religion und Kultur» unterrichten, auch wenn sie fachlich oft hervorragend dafür ausgebildet sind.

Gibt es eigentlich auch muslimische Unterrichtende in diesem Fach?
Ja, die gibt es. Ich selbst habe und hatte einige muslimische, jüdische und buddhistische Studierende. Das kann in weniger religiös durchmischten Gemeinden des Kantons für manche Eltern etwas gewöhnungsbedürftig sein, wenn die Kinder dort von einer Muslima über das Christentum unterrichtet werden. Auf der anderen Seite sind in Orten wie Schlieren fast mehr muslimische als christliche Kinder in einer Klasse, da ist es nicht verwunderlich, dass auch die Lehrerin muslimisch sein kann. Grundsätzlich gilt: Die Religionszugehörigkeit der Lehrperson spielt in diesem Fach keine Rolle.

Marianne Weymann/ref.ch
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

 

10 Jahre «Religion und Kultur»

Der Religionsunterricht in der Zürcher Volksschule hatte lange Zeit einen schweren Stand, zu Beginn der Nullerjahre stand er sogar ganz vor dem Aus. Nach Protesten aus der Bevölkerung sah die Kantonsregierung jedoch von der ursprünglich geplanten Abschaffung ab und entwickelte das Fach «Religion und Kultur». Dieses ist im Unterschied zu den Vorgänger-Formaten «Biblische Geschichte» (Primarschule) und «Konfessionell-kooperativer Unterricht» (Sekundarstufe I) bekenntnisfrei und obligatorisch. Der Kantonsrat stimmte der Einführung des neuen Fachs mit überwältigender Mehrheit zu. 2007 starteten die ersten Zürcher Volksschulen mit der Einführung, seit rund fünf Jahren ist «Religion und Kultur» flächendeckend eingeführt.

Eva Ebel, die Fachdidaktik «Religion und Kultur» am Institut Unterstrass der Pädagogischen Hochschule Zürich lehrt und das Fach mitentwickelt hat, spricht von einem «Erfolgsmodell». Der Aufwand sei jedoch riesig gewesen: Rund 3‘500 Lehrpersonen für die Primarstufe und über 300 Lehrpersonen für die Sekundarstufe I mussten nachgeschult werden, um die kantonsweite Einführung zu ermöglichen und die geforderte Unterrichtsqualität zu gewährleisten.