Logo
Gesellschaft

Eva trägt Pussyhat – darüber müssen wir reden

«Gender» soll auch in den Kirchen kein Reizwort mehr sein. Darum decken fünf kirchlich und feministisch-theologisch engagierte Frauen mit dem Comic- und Info-Heft «Let's Talk About Gender» Genderfallen im Alltag auf und entlarven Geschlechterklischees.

1971 gingen Schweizer Frauen für das Stimmrecht auf die Strasse. 1991 demonstrierten Zehntausende mit der Parole «Wenn Frau will, steht alles still» für die Umsetzung der Gleichberechtigung, welche die Verfassung damals seit zehn Jahren garantierte. Dann wurde es still um die Frauenbewegung.

Dieses Jahr rechnen die Veranstalterinnen der Kundgebungen zum Frauentag am 8. März erstmals wieder mit Grossandrang. Dies nicht zuletzt wegen Donald Trumps sexistischen Äusserungen. Das neue Symbol der Demonstrantinnen ist der «pussy hat», eine rosarote Strickmütze mit Katzenohren. Auch Theologinnen und Pfarrerinnen solidarisieren sich mit den internationalen Aktionen «We can't keep quiet» und «#Pussyhat». Wort-zum-Sonntag-Predigerin Catherine McMillan ruft zum Protest am 8. März in Zürich auf.

«Platz für Frauen»
Die Frauen in den Kirchen melden sich wieder lauter zu Wort. Von der katholischen Theologin Jacqueline Straub, die Priesterin werden will, bis zu den Evangelischen Frauen Schweiz, die «Platz für Frauen» im Reformationsjubiläum fordern. Dabei ist es noch nicht lange her, als in einigen Kantonalkirchen die Gender-Fachstellen im Zuge von Sparbemühungen unter Druck gerieten. Sie würden nicht mehr gebraucht, die Gleichstellungsziele seien weitgehend erreicht, so die Begründung.

Die Realität sehe anders aus, entgegnet Maria Oppermann, Leiterin Kommunikation Reformierte Kirche Kanton Zug. «Heute erleben wir immer noch Gender-Zuschreibungen und Ungerechtigkeiten, die Menschen am Leben hindern. Werden Diskriminierungen geleugnet, nützt dies niemandem.» Rechtzeitig zum diesjährigen Frauentag publizieren darum fünf Autorinnen die ökumenische Broschüre «Let's Talk About Gender!» – «Gender, Kirche, Religion – darüber müssen wir reden».

Das als Comic gestaltete Heft liefert Informationen und Argumente zu «Genderwissen und Genderbewusstsein». Es soll zum Nachdenken über das Männer- und Frauenverhalten anregen und Klischees aufdecken. Die Theologinnen Béatrice Bowald, Regula Grünenfelder und Doris Strahm sowie die Religionspädagogin Maria Oppermann und die Biologin Regula Ott sind alle in kirchlichen und feministisch-theologischen Organisationen engagiert. Sie wünschen sich «eine lustvolle und fundierte Auseinandersetzung mit Gender».

Vom Alltag angeregt
Das Heft richte sich nicht an Fachpersonen, sagt Maria Oppermann. «Begegnungen aus dem Alltag haben uns dazu angeregt.» Die Comic-Szenen der Illustratorin Kati Rickenbach zeigen zum Beispiel angehende Eltern, die Baby-Artikel einkaufen, zwei Schulfreunde, die sich über ihre Berufswahl unterhalten oder zwei Paare, die sich über die familiäre Rollenaufteilung Gedanken machen.

«Gender ist für kirchliche Kreise ein Reizwort», schreiben die Autorinnen. Umso wichtiger sei es, dass die Religionen sich mit Genderfragen befassten, betont Maria Oppermann. «Viele erleben, dass Religion Frauen unterdrückt, nicht nur der Islam, auch das Christentum. Dass es die feministische Theologie gibt, ist ihnen nicht bekannt.» Anderseits seien sich die Kirchen ihrer patriarchalen Prägung oft nicht bewusst, etwa bei der Untervertretung von Frauen in Kirchenleitungen oder beim fehlenden Betreuungsangebot für die Kinder der Mitarbeitenden.

Die Autorinnen der Broschüre klopften die gesellschaftliche Realität nach den drängendsten Genderfragen ab. Das so genannte Farbcoding etwa, mit dem die Kleider- und Spielwarenindustrie schon die Kleinsten in rosarot und blau und damit in die Kategorien «männlich» und «weiblich» einteilt. Dies werde der Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht gerecht, sagt Maria Oppermann.

Weiss statt rosa und blau
«Let's Talk About Gender» hält fest, dass gerade die Religionen sich diesen Festschreibungen verweigern: «Weiss ist die Farbe, die in allen Weltreligionen eine wichtige Rolle spielt.» Die weisse Kleidung, zum Beispiel das Taufkleid der Christen, mache deutlich, «dass in den wichtigen Phasen des Lebens nicht nach Geschlechtern unterschieden wird».

Im biblischen Schöpfungsbericht gebe es keine Anhaltspunkte für die traditionellen Geschlechterrollen, so die Broschüre. Die Begriffe «weiblich» und «männlich» seien nicht als Zuschreibungen für einzelne Individuen zu verstehen, sondern als «zwei Pole, die durchaus Vielfalt zulassen». Die Menschen hätten die Freiheit, ihre Geschlechtlichkeit selber zu gestalten.

Maria Oppermann sagt: «Wir wollen aus der Bibel die zeitlosen Aussagen herausfiltern und die Menschen zu einem Leben in Freiheit ermutigen. Wir brauchen ein zeitgemässes Gottesbild. Die Bibel bietet das.»

Im Weiteren beschäftigt sich das 28-seitige Heft mit Geschlechterrollen in der Berufswahl und Arbeitswelt und unter dem Titel «Knackpunkt Sorgearbeit» mit der Frage, warum es häufiger Frauen sind, die gegen schlechte Bezahlung oder sogar gratis pflegen, putzen, kochen und waschen.

Ein ausführliches Glossar erklärt am Ende die wichtigsten Begriffe der aktuellen Genderdebatte von «Androzentrismus» bis «Victim blaming».

Begleitend zum Heft haben die Autorinnen die Webseite www.aboutgender.ch mit vertiefendem Material aufgeschaltet. Hier können Interessierte die Broschüre gratis beziehen.

Karin Müller / Kirchenbote / 8. März 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».