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Politik

Todesurteil vollstreckt

21.03.2017
Rolando Ruiz ist tot. Er wurde am 7. März in Huntsville / Texas nach 22 Jahren in der Todeszelle durch die Giftspritze hingerichtet. Andreas Hausammann, Popularmusiker bei der St.  Galler Kantonalkirche, hat ihn auf dem letzten Weg begleitet.

«Um 23 Uhr Ortszeit ist mein Freund und Bruder Rolando im Todeszimmer schnell und friedlich eingeschlafen. Die letzten Worte, die er an uns richtete, waren: ‹I am at peace. Jesus Christ is Lord. I love you all›», erzählt der Musiker. Zuvor wartete er und der Halbbruder Rolandos im Gefängnis, bangend und hoffend. Denn hinter den Kulissen strebten Ruiz' unermüdliche Anwältinnen eine erneute Aufschiebung der Exekution an. Sie machten geltend, Ruiz habe über 20 Jahre in Einzelhaft verbracht, was der Verfassung widerspreche. Vergeblich: Der Gerichtshof sah dies anders.

Positiver Trend feststellbar

Trotzdem zeichnet sich beim Urteil über Rolando Ruiz ein Silberstreifen am Horizont ab. Denn ein Bundesrichter des Supreme Courts nahm die Argumentation der Anwältinnen ernst. Er sah, dass Ronaldo einen neuen Weg eingeschlagen hatte und liess diese Besserung in die juristische Beurteilung einfliessen, wollte von der Exekution absehen. Noch war er allein mit dieser Meinung, doch lässt dieses Umdenken für weitere Urteile hoffen. «Wir können in den USA einen positiven Trend hin zur Abschaffung der Todesstrafe und weniger Todesurteilen feststellen», bestätigt Patrick Walder von Amnesty Schweiz. Waren es 1998 noch 295 sind es 2016 noch 30 gewesen. «Seit 1973 durften in den USA 156 Personen den Todestrakt verlassen, weil sie ihre Unschuld beweisen konnten», so Walder. Diese Zahl ist dank der DNA-Analyse im Steigen begriffen.

Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn

In den vereinigten Staaten Amerikas – eines der wenigen westlichen Länder – kennen 31 der 50 Bundesstaaten die Todesstrafe. «Die Weissen haben Amerika mit Waffe und Bibel erobert und regieren noch immer damit», zitiert Patrick Walder einen Blackpower-Aktivisten. Diese Siedlergeschichte wirke mit dem Kult um das Waffentragen bis heute nach. Der Amerikaner wolle das Recht selber in die Hand nehmen und es gemäss der Bibel «Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn» umsetzen. Das Justizsystem selbst ist denn weniger auf Rehabilitation sondern auf die Bestrafung des Täters ausgerichtet. In Texas ist dies am auffälligsten. Mit dem Tod des 44-jährigen Ruiz wurde seit der Einführung der Todesstrafe 1976 in Texas die 541. Hinrichtung vollzogen.

«Es ist schwierig, einen Freund zu verlieren, unter diesen Umständen umso mehr», erzählt Hausammann. Anderseits durfte er, zusammen mit der Familie, feiern und dankbar darüber sein, wie sich Rolando entwickelt hatte. «Er hat den Mitgefangenen Mut zugesprochen, war Seelsorger in der Todesabteilung. Dies bestätigten auch die Gefängnispfarrer», so der St. Galler. Der Glaube habe Rolando getragen, ihm jegliche Angst und Verzweiflung genommen. Dies sei ein grosser Trost.

Brieffreundschaften

Andreas Hausammann hatte vor 17 Jahren eine Veranstaltung der Basler Organisation «Lifespark» besucht. Sie setzt sich gegen die Todesstrafe ein und hat seit ihrer Gründung 1993 rund 1500 Brieffreundschaften für Insassen in amerikanischen Todeszellen vermittelt. «Für die Gefangenen ist dieser Kontakt ein Fenster zur Aussenwelt und oft einfach auch eine Beschäftigung. Sind sie doch meist 23 Stunden allein in einer winzigen Zelle eingesperrt und haben keinerlei sozialen Kontakte», erklärt Claudia Tramèr von Lifespark. Die Häftlinge würden mit Lifespark als menschliche Wesen behandelt und nicht auf ihre Tat reduziert. Auf diese Weise begann auch der St. Galler Popularmusiker zu schreiben und lernte so Rolando Ruiz kennen. Nach ein paar Jahren besuchte er den Texaner im Gefängnis, seither flog er immer wieder nach Texas.

Zweimaligen Aufschub erwirkt

Als Zwanzigjähriger machte Ruiz, wie er bekannte, «den schlimmsten Fehler, den ein Mensch je machen konnte». Der Texaner mit mexikanischer Abstammung, drogenabhängig und aus schlimmsten Verhältnissen, tötete eine junge Frau per Kopfschuss. Für den Auftragsmord soll er 2000 Dollar erhalten haben. Die Auftraggeber schielten dabei auf die Lebensversicherung des 29-jährigen Opfers und hofften auf die Auszahlung der Todesfallprämie von 400'000 Dollar. Nach seiner Verhaftung fand Rolando Ruiz im Gefängnis durch die Bibel zum Glauben, wurde clean. Vor zehn Jahren setzte die Strafbehörde den ersten Hinrichtungstermin fest. Zweimal konnte der Texas Defender Service einen Aufschub erwirken. Bis am 7. März. Kurz vor seiner Hinrichtung wandte sich Ruiz an die Hinterbliebenen seines Opfers, mit der Hoffnung verbunden, seine Worte mögen Frieden und Vergebung bringen.

www.amnesty.ch

www.lifespark.org

 

Text: Katharina Meier | Foto: Andreas Hausammann  – Kirchenbote SG, April 2017

 

China vollstreckt am meisten

 

2015 wurden gemäss Amnesty Schweiz mindestens 1634 Personen in 25 Ländern hingerichtet. Das ist die höchste Zahl von Hinrichtungen seit mehr als 25 Jahren und eine Zunahme von über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr, als 1061 Hinrichtungen in 22 Ländern dokumentiert wurden. Die meisten Hinrichtungen fanden in China, Iran, Pakistan, Saudi-Arabien und in den USA statt – in dieser Reihenfolge. Mindestens 20‘292 Menschen sassen Ende 2015 im Todestrakt. Weltweit haben gut 70 Prozent aller Staaten (140) die Todesstrafe aus ihren Strafgesetzen gestrichen. Laut Amnesty ist ein globaler Trend zur Abschaffung der Todesstrafe feststellbar. 57 Staaten halten weiterhin an ihr fest. In diesen Ländern leben rund zwei Drittel der Weltbevölkerung. Der neue Report von Amnesty zur Todesstrafe erscheint im April.