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Spiritualität

Bruder Klaus – der Aussteiger: Litt er an einem Burn-out?

Interview mit Samuel Pfeifer, Prof. Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, war 25 Jahre lang Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie «Sonnenhalde» in Riehen bei Basel/Schweiz.

Herr Pfeifer, Niklaus von der Flüe litt unter massiver Niedergeschlagenheit. Hatte der Heilige ein Burn-out oder eine Depression?

Man kann sein Zustandsbild durchaus als Midlife-Depression bezeichnen. Dafür sprechen die starken Selbstzweifel und das Gefühl, seiner Familie zur Last zu fallen. Zudem würde auch eine posttraumatische Belastungsstörung aus der Kriegszeit ins Bild passen.

Weisen die Visionen von Gott und Teufel auf eine psychische Krankheit hin?

Man muss zwischen mystischen Erfahrungen und Krankheitssymptomen unterscheiden. Eine mystische Erfahrung führt zu einer fokussierten Lebensweise und zu einer Neuausrichtung. Das war bei Bruder Klaus der Fall.

Bruder Klaus fand seinen Seelenfrieden, indem er sich radikal zurückzog und meditierte. War das eine Selbsttherapie?

Ja, denn es ist ihm gelungen, nicht in ein verschrobenes Einsiedlerleben abzudriften, sondern Kraft zu schöpfen in der neu gewonnen Stille. Er lebte auf und konnte den Menschen viel vermitteln.

Er fing auch an, sich zu kasteien und streng zu fasten.

Fasten kann ein sehr bewusstes Loslösen vom bisherigen Lebensstil in ein fokussiertes Dasein bewirken. Ausgehend von den traumatischen Kriegserlebnissen kann das Fasten bei Bruder Klaus als Bussritual verstanden werden.

Erfordern Lebenskrisen Richtungsänderungen?

Ja. Menschen mit Burn-out übernehmen oft neue Lebenshaltungen und nehmen sich Auszeiten. Um das so radikal zu tun wie von der Flüe, braucht es allerdings eine innere Berufung.

Brauchen wir heute alle ein wenig «Höhle Ranft» auf Zeit, um gesund bleiben zu können?

Sicher. Wir alle benötigen Ruhe, um darüber nachdenken zu können, was uns wichtig ist im Leben. Das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft jedoch nicht eingeplant. So führen Zusammenbrüche schliesslich zu zwangsmässigen Pausen, um das eigene Gleichgewicht wiederzufinden.

Mehr Informationen: www.seminare-ps.net

Interview: Adriana Schneider, Kirchenbote, 28.3.2017