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Spiritualität

Bruder Klaus – der Ehemann: Hat er seine Frau verlassen?

Interview mit Karl Wolf, Theologe und Psychoanalytiker.

Herr Wolf, warum hat Niklaus seine Familie verlassen, hat er seine Frau Dorothe nicht geliebt?

Die Beziehung war sicher intensiv! Sie war ganz bestimmt von grosser Liebe und Intimität geprägt. Fern-diagnosen sind natürlich schwierig, das ist klar. Alles, was wir annehmen können, speist sich aus Überlieferungen. Klaus wird in Biografien als gefühlvoller, sinnlicher Mann beschrieben. Später war er der Asket, der in der Ehe enthaltsam gelebt hat. Ein intensiv lebender Mann.

Dann ging er fort – liess sich dann aber wieder in der Nähe von Dorothe nieder.

Klaus hat im Laufe der Zeit durch seine Religiosität eine gewisse Art Unzufriedenheit erlebt, er wurde unruhig, unzufrieden. Wie lange dieser Prozess dauerte, weiss man nicht, aber ich nehme an, über Jahre. Das hatte sicher Auswirkungen auf die Beziehung. Die beiden haben eine Beziehungskrise erlebt und mussten sich den Fragen stellen: Was ist los? Warum verändert er sich? Was bedeutet das für uns, für unsere Liebe?

War diese Liebe anders als die Liebe zwischen Paaren heute?

Die beiden haben wohl partnerschaftlich einen Entschluss gefasst, wie sie mit dieser Unzufriedenheit und Sehnsucht umgehen, die Niklaus umtrieb. Wie heute auch: Paare, die sich lieben, versuchen, einen Kompromiss zu finden. Man versucht, das gemeinsame Leben auszuhandeln. Was wir heute in der Paartherapie wieder herstellen müssen: Richtig kommunizieren, konstruktiv miteinander umgehen, Toleranz und Fairness – war in dieser Ehe schon vorhanden. In diesem Sinne haben die beiden eine intensive Beziehung mit vielen Schattierungen gelebt. So definieren viele Paare heutzutage Glück.

Ist diese Ehe also sogar ein bisschen Vorbild?

Ja, durchaus. Sie versuchen beide, ihr Paarsein neu zu gestalten, weil er mit ihr bleiben will, aber auch mit Gott. Vielen Paaren geht es da gleich: Sie trennen sich räumlich oder schlafen in eigenen Zimmern. Sie bleiben zusammen, aber nicht mehr so nahe. Die Beziehung zwischen Niklaus und Dorothe war gleichberechtigt. Niemand ist dabei untergegangen. In diesen Menschen muss Versöhnung gewesen sein, sonst wäre diese Geschichte nicht so gewesen, wie sie war. Sonst hätte Dorothe ihn nicht im Ranft versorgt, sonst wäre von ihm nicht eine solche Frieden schaffende Wirkung ausgegangen.

Interview: Anna Miller, Kirchenbote, 28.3.2017