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Spiritualität

Ein Heiliger für alle

Bruder Klaus: Nationalheld, Heiliger, Friedensstifter und Ratgeber der Ratsherren.

Seine Biografie fasziniert: Der Obwaldner Bergbauer, geboren um 1417 in Sachseln, hat keine Schulbildung; weder lesen noch schreiben hat er gelernt. Er beherrscht das Handwerk eines Bergbauern. Mit seinem Vater besucht er regelmässig die Landsgemeinde und lernt seine staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten kennen. Als angesehener Bauer wird er Ratsherr in Obwalden und als solcher oft Schiedsrichter in weltlichen und kirchlichen Streitsachen. Mit achtundvierzig Jahren legt er alle Ämter nieder. In innerem Ringen, das ihn immer wieder in tiefe Krisen stürzt, kommt er mit 50 Jahren zur inneren Gewissheit, dass Gott ihn zum Eremitenleben berufen habe. Nach dreimonatiger Pilgerreise, die ihn nach Liestal führt, kehrt er in sein Bergtal zurück und lässt sich im Ranft in der Einsamkeit nieder. Die Landsgemeinde lässt ihm eine Zelle mit einer Kapelle errichten.

Im Dezember 1481 kommt seine grosse Stunde, die ihn zum Friedensstifter und Nationalhelden macht: Die Tagsatzung zu Stans. Sie zeigt die innere Zerstrittenheit zwischen den Stadt- und Länder-Orten der alten Eidgenossenschaft. Solothurn und Freiburg sollen dem Bund angegliedert werden. In der Stunde der Gefahr eines Bürgerkrieges holt der Geistliche Heimo Amgrund von Stans den Rat des Einsiedlers, der in weltlichen und kirchlichen Dingen erfahren ist und diese Erfahrung ins Ranft mitgenommen hat.

Wir kennen den Rat des Bruder Klaus nicht. Das Resultat aber kennen wir. Nach zwei Stunden haben sich die Ratsherren geeinigt: Der Bund der 8 Orte, bis anhin nur locker verbündet, wird besiegelt, Freiburg und Solothurn aufgenommen und damit die Mehrsprachigkeit der Eidgenossenschaft eingeleitet. Damit beginnt die eigentliche Geschichte der Eidgenossenschaft auf ihrem Weg zum mehrsprachigen Staatenbund und zum Bundesstaat 1848 inmitten der europäischen Nationalstaaten. Ein gottergriffener Mystiker wird zum Vater eines Staatsgebildes, das bis heute seine Einzigartigkeit bewahrt hat.

Ein Jahr nach dem Stanser Verkommnis, am 4. Dezember 1482, lässt er dem machtbewussten Rat von Bern schreiben: «Gehorsam ist die grösste Ehre, die es im Himmel und auf Erden gibt, weshalb ihr trachten müsst, einander gehorsam zu sein, und Weisheit ist das allerliebste, denn sie fängt alle Dinge am besten an. Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede. Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Frieden stellet, Witwen und Waisen beschirmet, wie ihr noch bisher getan.» Eingeleitet wird dieser Abschnitt mit den Worten: «Von Liebe wegen schreibe ich euch» (Brief des Bruder Klaus, Original Historisches Museum Solothurn).

Wer möchte diesen weisen Worten widersprechen. Wer möchte sie nicht fruchtbar wissen und wissen wollen für unser Land, für Europa, für die Welt. Und so wird der Geist von Bruder Klaus in aller Mund geführt: Dichter, Politiker, Geistliche, Philosophen, Päpste und Staatsmänner sind des Lobes voll.

Bundesrat Giuseppe Motta 1911 bis 1941 beurteilt Bruder Klaus als «die grösste moralische Macht im Schweizerlande». Wahr ist es, wenn man die Stimme aus den Nebeln des 15. Jahrhunderts hört, die hineinbricht in die Zeit der Bedrohung durch die deutsche Allmacht an der einen Grenze und die ideologische Versuchung auf der Südseite durch den Faschismus. Der Nachklang des bundesrätlichen Urteils mutet an, als ob dieser Bundesrat sich diese moralische Autorität zu eigen macht. Hat er? Nein.

Giuseppe Motta hat am 23. Dezember 1936 als damaliger Aussenminister die De-jure-
Anerkennung der italienischen Eroberung Abessiniens ausgesprochen und das als erstes demokratisches Land im Gefolge der italienischen Faschistenpartner Deutschland, Österreich, Ungarn und Japan.

Damit hat die Schweiz als Mitglied des Völkerbundes eines der schlimmsten Verbrechen sanktioniert, das ein Mitglied des Völkerbundes gegen ein anderes Mitglied verüben konnte. Mottas Verehrung des Duce verführte ihn dazu, das Verbrechen gegen Abessinien zu rechtfertigen, obwohl er dadurch Verrat beging gegenüber den Satzungen des Völkerbundes. Diese sollten den Schutz kleiner Staaten gegenüber den Gros-sen garantieren und damit auch den Schutz der Schweiz inmitten der Faschistenstaaten. Der Schweizer Aussenminister und Verehrer von Niklaus von Flüe hat dieses Recht mit Füssen getreten, weil er sich nicht dem Recht verpflichtet wusste, sondern dem italienischen Diktator. 

Papst Johannes Paul II. hat 1984 in Flüeli Ranft einen Friedensgottesdienst zu Ehren des Heiligen gefeiert. Er sagte: «Niklaus von Flüe mahnt uns zum Frieden im eigenen Land und zum Frieden in der Welt, er ermahnt uns aber vor allem zum Frieden im eigenen Herzen.» Das haben wir heute so nötig wie 1984 und nötiger als je. Der Kulturphilosoph Denis de Rougemont hat richtigerweise 1938 die Bedeutung des Niklaus von Flüe für den Frieden der Welt erkannt: «Nicolas a fui le monde, et voici, le monde vient à lui» (Bruder Klaus floh die Welt und nun kommt die Welt zu ihm). («Nicolas de Flue» Dramatische Legende, vertont von Arthur Honegger, Acte II)

Wenn wir über Bruder Klaus und seine Wirkung auf die heutige Politik nachdenken, erinnern wir uns an sein berühmtes Wort: «Mischt Euch nicht in fremde Händel.» Wenn man diesen Satz als Suchbefehl im Internet eingibt, kommt einem dies und jenes entgegen. Unter anderem ein Parteitag zur Parolenfassung über die Militärgesetzrevision vom 10. Juni 2001, die auf dem historischen Platz der damaligen Obwaldner Landgemeinde stattfand zum Gedenken an Niklaus von Flüe. Dort bekämpften sich der Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements, Bundesrat Samuel Schmid, SVP, und die Parteispitze.

In der UNO-Beitrittsdebatte taucht der gleiche Satz immer wieder als Mahnung auf. «Macht den Zaun nicht zu weit», verschwiegen wird der zweite Teil  «aber scheut euch nicht, über den Zaun hinauszuschauen, macht euch die Sorgen anderer Völker zu euren eigenen und bietet über Grenzen hinweg eine helfende Hand, und dies auch auf der Ebene eurer staatlichen Organe und Finanzmittel.» Dies waren die Worte des Papstes in Anlehnung an jene Worte, die dem Heiligen zugeschrieben werden, obwohl er des Schreibens unkundig war.

Je weiter weg – zeitlich gesehen – eine Aussage ist in ihrem historischen Kontext, umso leichter lässt sie sich für die Gegenwart nutzbar machen, vereinnahmen und zur eigenen Maxime erheben. Jeder kocht sein Süpplein damit, nimmt, was ihm gefällt und macht es zu seiner eigenen Wahrheit.

Ein grosser Mann hat im 15. Jahrhundert gelebt und die Eidgenossenschaft befriedet. Richtig ist, dass man ihn ehrt; nicht richtig ist, dass man seine überlieferten Worte für dieses oder jenes politische Anliegen vereinnahmt oder soll ich sagen «missbraucht». Der reformierte Theologe Walter Nigg hat es so ausgedrückt: «Der Gottesfreund darf nicht zum Sonderbesitz einer Partei werden, würde es sich doch als sehr nachteilig auswirken, wenn er der einen Hälfte der Eidgenossenschaft verlustig ginge.» (Walter Nigg, «Grosse Heilige», S. 184) Ist es wohl so, dass sich mystische Empfindungen von dieser oder jener Seite vereinnahmen lassen, weil es Empfindungen sind, die der Realität nicht standhalten wollen und können? Wollte Niklaus von Flüe deshalb nicht Landammann werden, weil er sich auf die politischen Realitäten, das heisst Sachgeschäfte nicht festlegen wollte? Sind darin auch seine inneren Anfechtungen zu orten, der Welt abzusagen und sich ganz Gott mit Beten und Fasten hinzugeben?

Eine moderne Mystikerin hat sich in einer ähnlichen Grenzsituation befunden, bevor sie ins Kloster eintrat: Silja Walter. Sie hat jene Grenzüberschreitung beim Eintritt ins Kloster Fahr lyrisch beschrieben: «Ich weiss nicht, geht der Wind vom Fluss, dass ich im Herzen friere; ich denke mir, wer gehen muss, der steh nicht vor der Türe.» (Frühe Gedichte, Zürich 1950) Hat sich Bruder Klaus die gleichen Gedanken gemacht in den zwei Jahren, die er für den Entscheid für ein Leben mit Gott benötigte?

Silvia Pfeiffer, Kirchenbote, 28.3.2017

Silvia Pfeiffer ist Historikerin und ehemalige Kirchenratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Schaffhausen