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Gesellschaft, Kultur, Politik

Umstrittener Friede

29.03.2017
Bruder Klaus hat der jungen Schweiz den Frieden vermittelt. Zu Recht gilt er als der grosse Versöhner. Doch das Erste, das wir von ihm hören, ist: Er streitet!

Er streitet – gegen den eigenen Pfarrer. Niklaus von Flüe vertritt seine Gemeinde im Prozess gegen den Dorfpfarrer, der höhere Abgaben fordert. Sein Leben lang hat Bruder Klaus unter den Pfarrern von Sachseln gelitten. Diese wussten nicht viel, waren umso eingebildeter und wollten möglichst bequem möglichst viel aus ihrer Pfründe herausholen. Von ihnen konnte Niklaus keine Hilfe erwarten, wenn er mit allem Ernst danach strebte, Gott näher zu kommen. Er musste sich andere Seelsorger suchen. In Kriens fand er Heini am Grund, und in Kerns war Pfarrer Oswald Ysner. Sie waren beide hochgebildet, kannten die biblischen Schriften und die alten kirchlichen Lehrer, und wollten mit ihrem ganzen Leben in der Nachfolge des Gekreuzigten stehen. Ihnen konnten sich Niklaus und seine Frau Dorothea anvertrauen.

Im Streit mit Gott und mit sich

Das war besonders wichtig in den leidvollen Jahren, in denen Niklaus ergriffen wurde von einer unheimlichen Unruhe: War es möglich, dass Jesus ihn weg von seiner Familie rief? Fort von seiner Frau und seinen Kindern? So wie er einst die Apostel fort von ihren Familien gerufen hatte? War es möglich, dass Jesus so etwas tat auch jetzt im Land der Eidgenossen?

Harte und aufwühlende Kämpfe musste das Ehepaar durchstehen. Gemeinsam und allein für sich, in Gesprächen und in einsamen Gebeten mussten sie gegen Zweifel und Bitterkeit kämpfen und um Klarheit und Zuversicht ringen.

Schliesslich, am Gallustag, am 16. Oktober 1467, hatte Niklaus den Hof dem ältesten Sohn Hans übergeben und nahm Abschied. Er war der Meinung, dass er den Rest seines Lebens auf den Pilgerwegen Europas unterwegs sein solle, nur mehr mit dem Ziel, selig zu sterben und endlich daheim zu sein bei dem Vater im Himmel. Doch es kam anders. Noch einmal wurde Niklaus in verwirrende Kämpfe gestossen. Der erste Mensch, mit dem er nach seinem Aufbruch wieder redete, sagte ihm mit groben Worten, er solle wieder heim gehen. Erst zwei Monate später kam er endlich zur Ruhe. Vier Lichter schenkten ihm die Gewissheit: Unten im Ranft, ein paar hundert Meter von dem Wohnhaus seiner Familie entfernt, wollte Gott ihn haben. Seine Landsleute bauten ihm eine Klause und eine Kapelle.

Im Streit mit der Natur

Denn sie hatten es kritisch überprüft und waren sicher: Niklaus isst nichts mehr. Gar nichts! Das ist von Natur aus unmöglich. Und doch ist es so. Ein Wunder, wie sie in den biblischen Umbruchszeiten geschehen waren!

Niklaus hatte seinen Seelsorger gefragt: Darf ich das? Nichts mehr essen? Schon immer habe ich mir das gewünscht! Ganz frei zu sein. Denn nur wer nichts mehr essen muss, ist wirklich unabhängig. Aber darf ich weiterfahren mit Fasten? Oder versuche ich damit Gott? Pfarrer Ysner war unsicher. Doch schliesslich, berichtet er, habe er sich gesagt, es könne ja doch sein, dass Gott ein besonderes Zeichen einer besonderen Liebe setzen wolle. Und so habe er die Beine von Niklaus betastet, habe sie ausgezehrt und dürr, aber doch warm durchblutet gefunden, und habe ihm die Erlaubnis gegeben: Solange er damit nicht sein Leben gefährde, dürfe er weiterfasten. Er sei überzeugt, gab Jahre später der Nachbar Erny Anderhalden zu Protokoll: Die letzten 18 Jahre seines Lebens habe Niklaus nichts mehr gegessen und getrunken. Erklären könne er das zwar nicht. Doch glauben tue er es. Denn Niklaus sei immer ehrlich gewesen und habe nie etwas getan nur zum Schein. Es sei undenkbar, dass er seine Mitmenschen getäuscht habe.

Im Streit mit Grossmäulern, Grossmächten und echten Nöten

Immer mehr Leute kamen in den Ranft. Einige sensationslüstern und besserwisserisch. Niklaus liess ihren Dünkel ins Leere laufen. Andere kamen mit einem Herzen voller Sorgen und Schwermut, zerschlagen von einer Schuld oder geplagt von einer schmerzvollen Krankheit. Das gab Stoff zum Beten. Wieder andere wollten Ratschläge für die Tagespolitik. Was stellt man der Machtgier und der Resignation entgegen?

Die Eidgenossen hatten gegen den modernsten Herrscher der damaligen Zeit einen glänzenden Sieg errungen. Karl der Kühne von Burgund hatte in Grandson das Gut, in Murten den Mut und endlich in Nancy das Blut verloren. Ungeheure Reichtümer strömten ins Land. Die Eidgenossenschaft war im Begriff, eine europäische Grossmacht zu werden. Das liess die Machtphantasien ins Unrealistische wachsen. Ambitionen in den eigenen Reihen weckten Misstrauen und inspirierten dumme Intrigen. Der Wohlstand zersetzte den Zusammenhalt. Niklaus setzte dem stille, karge, mahnende Worte entgegen.

Im Streit zwischen Stadt und Land

Insbesondere musste ein Versprechen eingelöst werden: Solothurn und Fribourg hatten an der Seite der Eidgenossen gekämpft, gelitten und gesiegt. Niemand konnte ihnen das Recht absprechen, als vollberechtigte Mitglieder in das Bündnis aufgenommen zu werden. Und doch: Wenn fortan die Eidgenossenschaft aus fünf Städten und fünf Landorten bestehen würde, käme es zu einem fatalen Ungleichgewicht. Die Städte würden alles dominieren. Die Länder wären nur noch Ränder.

Zwei Jahre lang zogen sich zähe Verhandlungen hin. Bruder Klaus war intensiv an ihnen beteiligt. Wahrscheinlich gab er entscheidende Anstösse für die insgesamt sechs Vertragsentwürfe. Schliesslich trafen sich die Delegierten zur Tagsatzung in Stans. Das neue Bündnis sollte beschworen werden. Doch innert Kurzem war man wieder zerstritten, heftiger als je zuvor. Da machte sich Heini am Grund auf den Weg zu Bruder Klaus. Vier Stunden lang beriet er sich in der Winternacht mit ihm. Am frühen Morgen vom 22. Dezember 1481 war er zurück. Er beschwor die Delegierten, in Gottes und in Bruder Klausens Namen noch einmal zusammenzukommen. „Und wie bös die Sache des Abends noch war“, berichtet Diebolt Schilling, „umso besser war sie am Morgen, und war in einer Stunde ganz und gar bereinigt.“

Erstrittener Friede

Mit diesem neuen Bundesschluss, heisst es im Protokoll der Tagsatzung, konnte man „heimbringen die Treu, Mühe und Arbeit, so der fromme Bruder Klaus in diesen Dingen getan hat“. Hoch offiziell wird Bruder Klaus als Vermittler des Friedens genannt. Er hat der Schweiz ihre eigentümliche Ordnung vorgezeichnet: Eine Gemeinschaft, in der die Kleinen zu grosse Rechte haben. Bis zur modernen Bundesverfassung von 1848 blieb das die tragende Grundlage für die Eidgenossenschaft. Es schuf die Voraussetzung dafür, dass bis heute aussergewöhnlich grosse Freiheitsrechte in einem aussergewöhnlich vielfältigen Staatsgefüge Bestand haben.

Dieser Friede war vielfach erstritten. Und er ist auch heute umstritten. Das kann nicht anders sein. Nicht umsonst sagt das Sprichwort: Was sich liebt, das streitet sich. Nur wo Menschen das Gefühl haben, dass sie weder Gott noch einander nötig haben, kommt es zu keinen Konflikten. Man geht sich aus dem Weg. Gleichgültig lässt man sich machen. Und erspart sich alle inneren und äusseren Kämpfe. Wo aber Menschen verbunden sind in der Liebe zu Gott und zu ihren Nächsten, kommt es unweigerlich zu Streitigkeiten. Nur so kann ein Friede Wirklichkeit werden, der tiefer wurzelt als in den Interessen des Augenblicks, ein versöhntes Miteinander, das den Herausforderungen der Zeit zu trotzen vermag.

„Der Name Jesu sei euer Gruss“, schreibt Niklaus. Ob dieser Name auch uns wieder den Mut schenkt, Konflikte zu benennen, Streitigkeiten auszutragen – und so zum wahren Frieden zu finden?

Pfr. Dr. Bernhard Rothen, Präsident der Stiftung Bruder Klaus


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