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Kirche, Leben & Glauben

Auferstandener zu Lebzeiten

03.04.2017
Das mit der Auferstehung ist keine einfache Sache, das war sie schon ganz am Anfang nicht. Was ist damit gemeint? Was können wir, die alles das was die Ostergeschichten erzählen nicht erlebt haben, für unser Leben mitnehmen? Geschichten gegen den Tod - Geschichten für ein neues Leben. Eine neue Lebensart. Auferstanden bereits zu Lebzeiten.

Auf Deutsch machen wir einen deutlichen Unterschied zwischen „aufstehen“ und „auferstehen.“ Doch dies ist vom biblischen Text her nicht zu begründen. In der Sprache des Neuen Testaments (Griechisch) gibt es nur „aufstehen“ und kein „auferstehen.“ Aufstehen tun wir alle, das gehört zu den einfachen täglichen, körperlichen Tätigkeiten. Wer aber weiss, was Auferstehen ist? Gehört das nicht ins Jenseits, nach dem Tod? Wann ist ein Aufstehen auch ein Auferstehen? Durch diese Unterscheidung zwischen trivialem Aufstehen und ganz speziellem, theologisch aufgeladenen Auferstehen ziehen wir eine Art Glaswand zwischen uns und Gott – so als ob Gott nur hie und da (wenn überhaupt) zu uns käme.

Diese Trennwand zwischen „hochtheologisch“ und „trivial“ ist aber in den biblischen Texten gerade nicht zu finden. Ein Beispiel:

„Maria stand eilig auf und wanderte über das Gebirge...“ (Lk 1,39)

Das klingt natürlich nicht nach Auferstehung, obwohl Marias Aufstehen dasselbe griechische Verb ist, wie das Aufstehen aus dem Tod (Lk 24,7). Daher wage ich zu übersetzen:

„Maria auferstand und zog in Eile über das Gebirge...“

Ja, nach dem, was sie erlebt hatte, war das schon eine Auferstehung. Sie war als unverheiratetes, sehr junges Mädchen schwanger, was sie sicher sehr beunruhigt hatte. Doch dann hatte ein Engel sie aufgesucht. Nach dieser verstörenden und bestärkenden Erfahrung war sie nicht mehr dieselbe. Nichts konnte sie mehr halten in dem kleinen Nazareth, fast fluchtartig zog sie aus, sie wusste nur eines: in Jerusalem hatte sie eine Verwandte. Eine unwahrscheinliche Entschlossenheit und Kraft wohnte in ihr – die Kraft der Auferstehung.

 

Aufhören, dem Tod zu dienen

Nicht jedes Aufstehen hat diese Kraft in sich. Die Theologin Dorothee Sölle sagte einmal: Wenn wir aufhören, dem Tod zu dienen, dann ist unser Aufstehen Gott gewirkt.

 Sterben muss ich

aber das ist auch

alles was ich für den tod tu

 

Lachen werd ich gegen ihn

geschichten erzählen

wie man ihn überlistet hat

und wie die frauen ihn

aus dem land trieben

 

Singen werd ich

und ihm land abgewinnen mit jedem ton

Aber das ist auch alles

Sterben müssen wir alle. Doch damit hört es schon auf, sagt Sölle, mehr ist sie nicht bereit, für den Tod zu tun. Ihr ganzes Leben wird zu einem Widerstand gegen den täglichen kleinen Tod, der lähmen möchte, uns gefügig machen, stumm, leicht deprimiert, phantasielos, ohne Flügelkraft. Dieses Gedicht stellt die Frage, wie wir den Tod unterstützen: Bemerken wir seinen Schatten, der sich über Länder ausbreitet, sie in den Abgrund treibt? Hören wir seinen Hohn gegenüber den elementaren Menschenrechten? Spüren wir seine Hand krallen und drücken nur die Augen zu, ohne aufzuschreien?

 Aber wie können wir uns denn gegen diese Todesmacht zur Wehr setzen? Sölle erinnert sich an Momente, wo man ihn vertreiben konnte durch Lachen, Singen und Geschichten erzählen. Nicht irgendwelche Geschichten natürlich, sondern solche, die vom Widerstand gegen den Tod erzählen.

 

Geschichten gegen den Tod

Geschichten gegen den Tod hat es zuhauf in der Bibel. Die Bibel ist eine Schatzkiste solcher Erinnerungen an Momente, wo der Tod klein beigeben musste. Die Ostergeschichte gehört da dazu. Aber ich möchte auf eine andere, unscheinbare Geschichte zu sprechen kommen.

 Zur Zeit des Königs Herodes haben die Frauen und Männer sich auch Geschichten gegen den Tod erzählt. Als die römische Besatzung das kleine Land Palästina im Griff hatte, mit Zöllen und Steuern ihre Kassen füllten, doch rein gar nichts in das Land investierte. Es gab keine medizinische Versorgung, keine Schulen aus römischer Hand, keine Vorbeugung gegen Hungersnöte.

 Geschichten gegen den Tod waren auch nicht einfach zu finden damals. Am Strassenrand lagen sie sicher nicht herum, da gab es nur Bettlerinnen und herumstreunende Kinder. Viele Bauern flüchteten vor den hohen Pachtzinsen in die Stadt - auf den Feldern wurden kaum noch Lieder gesungen. Oder immer das gleiche Lied: Hunger, Arbeit, Hunger.

 Einmal, so erzählen es die Evangelien, einmal verliessen alle ihre Felder. Sie zogen dorthin, wo niemand mehr etwas anbaute. Auch aus der Stadt kamen sie, von Jerusalem herab, alle, die ganze Bevölkerung, Tausende über Tausende. Alle Arbeit blieb liegen. In der Stadt wurde es still. Sie versammelten sich am Jordan draussen, bei dem Propheten Johannes. Er kannte offenbar ein Lied gegen den Tod, gegen Unrecht und Hass: „Kehrt um, rief er, seid solidarisch miteinander!“ – „Kommt, wir fangen neu an,“ sagten die Leute, „was können wir schon verlieren dabei.“ Der Himmel öffnete sich, sagt man, so schön sangen die Leute, so ergreifend war ihr Ernst. Der Himmel öffnetet sich und eine Taube flog herab auf den einen, der gerade im Jordan war, Jesus, der Sohn der Maria aus Nazareth. Auch eine arme Frau, die Maria. Aber diesen Augenblick vergass sie nie, als ihr Sohn inmitten dieser Menge – und eine Taube liess sich auf ihm nieder - und alles war gut, für einen Moment hielten alle den Atem an.

 Doch noch am selben Tag wurde Johannes verhaftet und verschwand spurlos. Für immer. So erzählen die Evangelien. Die Leute kehrten in ihre Dörfer zurück. Ob sie umkehrten, weiss ich nicht. Die Bauern schwiegen wieder, die Kinder hungerten wieder, die Frauen arbeiteten mit gesenktem Blick.

 Nach ein paar Wochen verbreitete sich aber ein Gerücht. Man hörte davon auch in Jerusalem. Obwohl Johannes verschwunden blieb, gab es jemanden, der zu den Kranken kam und sie heilte. Er kam nicht allein, er kam in die hintersten Dörfer, er zog übers Land und sein Name war: Jesus. So richtig kannte ihn niemand. Marias Sohn aus Nazareth war keine Grösse, die man kennen musste.

 Doch da war dieses Gerücht. Es gibt einen, sagten sie hinter vorgehaltener Hand, der heilt und will nichts dafür. Er kommt mit Brot und der heiligen Schrift, er legt sie aus für uns, nicht gegen uns. Die Leute schüttelten ihren Kopf, gibt es das denn? Woher hat der seinen Mut, fragte sich Herodes in seinem Palast.

Auferstanden zu Lebzeiten

Im Markusevangelium hören wir dieses Staunen der Menschen:

 Und der König Herodes hörte das; denn sein Name wurde bekannt,

und sie sagten von ihm: Johannes der Täufer ist von den Toten aufgestanden, deshalb sind die Kräfte in ihm wirksam.

Andere aber sagten: Es ist Elia.

Noch andere sagten: Er ist ein Prophet wie einer der Propheten.

Als es aber Herodes hörte, sagte er: Johannes, den ich habe enthaupten lassen, der ist aufgestanden. Mk 6,14-16

 Haben Sie es gemerkt? Wer auch immer dieser Rabbi aus Nazareth war: alle waren sich darin einig, dass er ein Auferstandener zu Lebzeiten war.

Ob Johannes, Elia, ein Wundertäter oder Prophet: Das Verb „aufstehen“ zeichnet Jesus als Lebendigen aus, als gegen den Tod Arbeitenden. Herodes sah darin den Keim eines Aufstandes, doch für die vielen armen Menschen war das ein Grund zur Hoffnung, und immer mehr Geschichten gegen den Tod sprossten aus dem Boden, die Zungen lösten sich, endlich wurde wieder gesungen!

 Wir müssen die Kraft der Auferstehung nicht erst nach dem Tod suchen. Was die Frauen am Grab erkannten, war zwar umwerfend, erschütternd. Aber eigentlich wussten sie es schon längst: Schon zu Lebzeiten, gleich von Anfang an, war diese Kraft spürbar gewesen. Nun erinnerte sich auch Maria an die Kraft, die sie hat aufstehen lassen, die sie aus ihren engen Grenzen getrieben hatte. Eigentlich war auch sie eine Auferstandene zu Lebzeiten. Und wenn ich so darüber nachdenke, dann kommen mir noch viele in den Sinn, die aufstehen gegen den Tod, Verstorbene und noch Lebende.

Luzia Sutter Rehmann

Luzia Sutter Rehmann ist Titularprofessorin für Neues Testament an der Theologischen Fakultät an der Universität Basel. Letzte Publikation: Wut im Bauch – Hunger im neuen Testament