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Gesellschaft

Scheidung: Aus Ex-Partnern werden enge Freunde

Hilde und Werner D. waren gut zwanzig Jahre verheiratet, als sie sich scheiden liessen. Die gemeinsame Tochter blieb das Bindeglied zwischen den beiden, sodass die Verbindung nie ganz abriss. Längst sind sie eng befreundet, doch das geschah nicht auf Anhieb.

Die Anziehungskraft zwischen der grossen Blonden und dem dunklen Architekturstudenten war enorm, und als ein Kind unterwegs war, wurde eilends geheiratet. Doch während der Ehe lösten konträre Vorlieben und Vorstellungen vermehrt Krisen aus. Werner D. interessierte sich für Sport und segelte leidenschaftlich gern, seine Frau Hilde neigte sich den schönen Dingen des Lebens zu. So gab es zusehends weniger beglückendes «Miteinander». Hilde D. schildert im Rückblick die Not, die sie darüber empfand: «Ich hatte einen stetig wachsenden Groll im Herzen, spürte immer deutlicher, dass ich nur des Kindes wegen versuchte, mich mit den Gegebenheiten zu arrangieren; andererseits empfand ich mich im Aufbegehren als zerstörerisch.»

Die Krise

Wegen immer heftigerer Streitigkeiten kam es zum Bruch. Hilde D.: «Ich erlebte diesen als grosse Verwirrung, und es folgte eine schwere Lebenskrise.» Psychologischer Beistand half ihr, den Zusammenbruch halbwegs zu überwinden, aber es dauerte Jahre. Immer wieder fragte sie sich: «Warum nur habe ich dies geschehen lassen?»

Werner D. wusste, dass seine Exfrau in eine Krise geschlittert war. Er rief eine enge gemeinsame Freundin an und bat diese, sich um Hilde zu kümmern. Sie war ihm nicht gleichgültig. Hilde D. rückblickend: «An Familienfesten geschah erste Annäherung, doch nur sehr langsam intensivierten wir die Kontakte.»

Werner D. mag dies nur bestätigen: «Die Trennung war hart und wir waren beide traurig. Einige Zeit herrschte Funkstille, jedoch meine beruflichen Verpflichtungen erlaubten mir kein Abdriften. Die Tochter, ein starkes Band zwischen uns Eltern, lud an Festtagen zum gemeinsamen Feiern ein. Wichtig war auch, dass meine Mutter nie ein übles Wort über die Schwiegertochter äusserte.»

Die «Wandlung»

Hilde D. bezeichnet den Weg zur heutigen Freundschaft als «Wandlung». «Ich hätte mir diese intensive neue Beziehung nie vorstellen können und bin sehr dankbar dafür. Das gegenseitige Eintreten auf Vorlieben und das sich Kümmern in allen Lebenslagen ist einfach beglückend.»

Es gab eine Zeit, in der die Tochter versuchte, die Eltern wieder zum gemeinsamen Wohnen zu bewegen, als diese beispielsweise öfter zusammen die Enkel betreuten. Dem gaben die Eltern nicht statt, und gerade darin sieht Werner D. heute mit einen Grund, dass die Freundschaft so intensiv gedieh. «An Familienfeiern beschnupperten wir uns wie einst – und die Anziehung war voll noch da. Verschiedene Wohnorte und dadurch eine gewisse Distanz zum Alltag machten die neue Beziehung erst möglich. Wir telefonieren täglich, sind füreinander da. Und oft können wir herzhaft zusammen lachen über unsere ‹Spleens› von früher.»

Betty Peter, Kirchenbote, 25.4.2017