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Gesellschaft

Facebook: «Wahre Freundschaft wächst im echten Leben»

Der Sänger und Bühnenkünstler Hans Michael Sablotny über Freundschaften auf Facebook und den Umgang mit einem wechselhaften Medium.

Hans Michael Sablotny hat auf Facebook 955 Freunde. «Rund 90 Prozent davon kenne ich persönlich», sagt der Sänger. Er nutze Facebook vor allem, um Kontakte mit Leuten zu pflegen, die nicht grade um die Ecke wohnen. «Ich stamme aus Köln und lebe in der Schweiz, da ist das schon praktisch», sagt er. Die Liste seiner Facebook-Freunde setze sich aus Musiker- und Bühnenkolleginnen und -kollegen, alten Schulfreunden, Stammtisch- und Fussballbekanntschaften zusammen. Voraussetzung, um eine Freundschaftsanfrage anzunehmen, sei für ihn die persönliche Bekanntschaft oder die baldige Aussicht auf ein persönliches Kennenlernen. «Mit den meisten meiner Facebook-Freunde habe ich irgendwelche Schlachten geschlagen, sei es auf der Bühne oder im privaten Rahmen», lacht Sablotny.

Zu 90 Prozent oberflächlich

Facebook-Freundschaften seien aber nicht dasselbe wie Freundschaften im Leben. «Facebook ist zu 90 Prozent oberflächlich. Echte Freundschaften im Leben stehen auf einem anderen Fundament.» Und seien deshalb rar. «Davon habe ich fünf, höchstens sechs in meinem Leben», sagt der Bühnenkünstler.

Hans Michael Sablotny setzt pro Tag ca. 45 Minuten für Facebook ein. «Ich schaue auf dem Smartphone kurz rein, wenn ich im Stau stehe oder alleine im einem Café sitze», erzählt er. Manchmal schalte er das Handy auch für einige Stunden auf lautlos und stelle dann erstaunt fest, wie viele Nachrichten, Postings und Likes in der Zwischenzeit eingegangen seien. Früher sei er täglich stundenlang damit beschäftigt gewesen, Nachrichten sofort zu beantworten oder zu posten. Das habe er stark eingeschränkt. «Das raubt sehr viel Lebensqualität, das braucht kein Mensch. Das Leben findet draussen statt.»

Heute informiert er über Facebook vor allem über seine künstlerischen Projekte und nutzt die Plattform für berufliche Kontakte. Auf diese Art seien schon viele neue Projekte entstanden. Kürzlich habe er allerdings mit seinem Auto einen Totalschaden erlitten und auch dieses Ereignis auf Facebook gestellt. «So was poste ich, damit auch meine Familie in Hamburg und Berlin mitbekommt, was passiert ist», erzählt er.

Hans Michael Sablotny sieht auch die bedenklichen Seiten von Facebook. «Manche Leute missbrauchen dieses Medium, um schlechte Stimmung zu verbreiten, andere zu mobben oder zu manipulieren.» Wenn er so etwas feststelle, kicke er auch mal einen Kontakt aus der Freundesliste. «Man muss wach sein im Umgang mit Facebook», sagt der Künstler.

Und was wäre, wenn es Facebook morgen nicht mehr gäbe? «Das wäre schade, aber kein Weltuntergang», sagt Sablotny. «Es würde gerade den jungen Leuten helfen zu sehen, was im Leben überhaupt da ist. Face to face und nicht von Klick zu Klick.»

Adriana Schneider, Kirchenbote, 25.4.2017