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Gesellschaft

Freunde als Basis des Lebensglücks

Der Psychotherapeut Wolfgang Krüger beschäftigt sich seit über dreissig Jahren mit dem Thema Freundschaft. Gute Freunde seien wie Diamanten, sagt er und erklärt, warum Männer weniger Freunde haben als Frauen und was man tun kann, um Freunde zu finden.

Herr Krüger, Sind Sie ein guter Freund?

Ich denke schon, ja. Aber ich lerne noch dazu. Freundschaften verändern sich. Das hängt mit unserer Lebensreife zusammen.

Was macht eine gute Freundschaft aus?

Eine gute Freundschaft ist eine Beziehung, in der wir möglichst alles erzählen können, selbst über Ängste, über peinliche Situationen. Von guten Freunden fühlen wir uns verstanden. Wir wissen, der andere ist für mich da, egal, was passiert.

Was würden Sie einem Freund nie verzeihen?

Dass er in einer Krisenzeit nicht für mich da ist. Das wäre ein Verrat. Oder wenn jemand Geheimnisse, die ich ihm anvertraue, weitererzählt. Dann ist die Freundschaft zu Ende.

Verrat und Untreue – sind das die Hauptgründe?

Der häufigste Grund ist, dass wir das Interesse am anderen verlieren. Freundschaft ist eine Herzensbeziehung. Die meisten Freundschaften gehen auseinander, weil man das Gefühl hat, dass etwas in dieser Beziehung nicht stimmt, dass der andere einen anderen Humor hat, oder dass er zu viel über seine eigenen Probleme redet. Wir wissen, dass innerhalb von sieben Jahren 50 Prozent der Freundschaften scheitern. Meistens aus ganz alltäglichen Situationen heraus. Man hat einfach keine Lust mehr, den anderen zu treffen.

Wie viele Freunde haben Sie?

Ich habe einen besten Freund, den ich seit dreissig Jahren jeden Samstag im gleichen Café treffe. Das ist ein Ritual. Dann habe ich mehrere gute Freunde, denen ich die meisten Dinge erzählen kann. Darüber hinaus gibt es viele, mit denen ich mich einfach gut verstehe. Im Leben kommt es nicht nur auf die wenigen sehr guten Freunde an. Man braucht ein soziales Dorf, damit man sich aufgehoben fühlt.

Man braucht beste Freunde, gute Freunde und Kollegen?

Ja. Aristoteles hat gesagt, das Wichtigste seien die Herzensfreundschaften. Daneben braucht es aber auch Beziehungen zu Nachbarn und zu Leuten mit ähnlichen Interessen. Ich habe zum Beispiel einen Kinokreis gegründet.

Die Sandkastenfreundschaft, die einen durch das ganze Leben begleitet, gilt vielen als Ideal.

Freundschaften aus der Kindheit und der Schulzeit, wo man sehr viel Zeit miteinander verbracht hat, sind viel intensiver als Freundschaften in späteren Jahren, wo man sich immer nur stundenweise trifft. Solche Freundschaften können, wenn sie zu Herzensfreundschaften werden, tatsächlich ein Leben lang bestehen. Wir wissen, dass die Herzensfreundschaften eine mittlere Dauer von über dreissig Jahren haben. Vor allem viele Frauen pflegen solche Freundschaften.

Warum haben Männer weniger Freunde als Frauen?

Weil es Männern schwerfällt, über sich zu reden, und wenn sie reden, dann am liebsten über Erfolge und sachliche Dinge, aber nicht so gern über Schwächen. Das ist fatal, weil viele Männer dadurch zu wenige Freunde haben und oft von ihren Partnerinnen abhängig sind. Dafür zahlen sie einen hohen Preis. Wenn Paare sich trennen, ist die Selbstmordrate bei den Männern siebenmal höher als bei den Frauen.

Kann es eine Beziehung nicht bereichern, wenn der Partner oder die Partnerin zugleich auch der beste Freund ist?

Die Basis einer Partnerschaft sollte immer auch eine Freundschaft sein. Leidenschaft allein ist nicht tragfähig. Weil es aber in jeder Partnerschaft Machtkonflikte gibt, brauchen wir Freundschaften ausserhalb der Liebesbeziehung. Sonst überfordert man die Partnerschaft. Zwei Drittel aller Frauen haben eine solche Freundschaft, wo sie mehr oder weniger alles über sich erzählen können, aber nur ein Drittel der Männer. Viele Männer sagen dann, meine Frau ist meine beste Freundin. Doch was machen diese Männer, wenn die Frau sich trennt? Dann sind sie nicht nur die Liebesbeziehung los, sondern auch gleich noch die beste Freundin.

Können Männer und Frauen überhaupt befreundet sein oder endet es immer im Bett oder in der Paarbeziehung?

Ich habe diese Frage in einer Rundfunksendung gestellt. 50 Prozent haben gesagt, das geht, und 50 Prozent, das geht nicht. Es kann funktionieren, wenn eine von drei Voraussetzungen erfüllt ist: Der Mann ist in einer Beziehung erotisch «abgesättigt». Die Freundin ist nicht sein Typ. Oder sie hat eine so kameradschaftliche Ausstrahlung, dass der Mann nicht ans Flirten denkt. Die beste Lösung ist aber, wenn Männer in der Lage sind, intensive Gespräche zu führen. Dann sind sie nicht darauf angewiesen, Nähe über die Erotik herzustellen.

Die Forschung sagt, Freundschaften sind gesund, heben das Selbstwertgefühl. Wie viele Freunde braucht man, um glücklich zu sein?

Wer gute Freundschaften hat, lebt zwanzig Prozent länger. Alle seelischen Probleme sind immer auch ein Mangel an Freundschaften. Und wir wissen heute, dass das Lebensglück nicht vor allem davon abhängt, ob man in einer Partnerschaft lebt, sondern dass wir Beziehungen insgesamt brauchen. Wer gute Freundschaften pflegt, schafft sich eine Basis des Lebensglücks. Das heisst, man hat in der Regel drei gute Freunde, denen man mehr oder weniger alles erzählen kann. Dazu kommen etwa zwölf Durchschnittsfreundschaften.

Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich nicht auf 15 Freunde komme?

Sie leben in einem Haus mit Nachbarn, die sich grüssen, und wo man auch mal Kuchen austauscht. Sie gehen in den Sportverein, den Chor oder die Kirche. Da haben Sie schon die Durchschnittsfreundschaften. Die Frage ist vielmehr, wem kann man erzählen, dass die eigene Mutterbeziehung schwierig war oder dass man sich manchmal überlegt, ob man sich vom Partner trennen soll. Man sollte mehrere Personen kennen, denen man tiefer vertraut.

Wie findet man Freunde?

Ich bin jetzt 69 und immer auf der Suche nach Freunden. Das Entscheidende ist, dass man im Leben neugierig bleibt. Freundschaften können auch kompliziert sein. Manche wollen keine Enttäuschung mehr erleben und resignieren. Dann wird es schwierig. Um Freunde zu finden, kann man Anlässe aufsuchen, wo sich Leute mit ähnlichen Interessen treffen. Ich gehe dann auf jemanden zu und frage, ob wir noch was trinken wollen. In dem Augenblick, wo man etwas persönlicher von sich berichtet, von seinen Gewichtsproblemen oder den Enkelkindern, legt man die Basis für eine Freundschaft.

Man muss selber die Initiative ergreifen. Das tönt anstrengend.

Sie müssen aktiv sein. Eine gute Freundschaft ist wie die Suche nach einem Diamanten. Ich selber lerne täglich Leute kennen. Einmal pro Monat gehe ich auf jemanden zu und wir treffen uns. Wenn ich Glück habe, habe ich am Ende des Jahres einen neuen Freund. Doch es braucht viele Anläufe, bis man jemanden findet, der auf der gleichen Wellenlänge liegt.

Nicht alle wollen einen Misserfolg riskieren.

Das eigentlich Entscheidende bei der Freundschaft ist die Freundschaft mit sich selbst. Ich muss davon überzeugt sein, dass ich für den anderen eine Bereicherung bin. Das ist die richtige Einstellung, um auf andere zuzugehen. Dann kann ich auch gut damit umgehen, wenn das des Öfteren nicht erfolgreich ist und etliche Leute nicht mit mir befreundet sein wollen.

Karin Müller, Kirchenbote, 25.4.2017