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Kirche

Der Bischof mit der reformierten DNA

Bei einem Spaziergang durch Zürich erzählt der ehemalige reformierte Bischof Laszlo Horkay von seiner Heimat Transkarpatien, wo noch 100'000 Reformierte ungarischer Abstammung leben.

Mit wachem Blick schaut Laszlo Horkay zur düsteren, in Erz gegossenen Reformatoren-Statue an der Zürcher Wasserkirche hoch. Schon mehrmals hat sich der alte Bischof der transkarpatisch-reformierten Kirche in die Zwinglistadt aufgemacht. «Das Reformierte liegt mir in den Genen», sagt er, und er meint es buchstäblich so: «Seit sechzehn Generationen brachte unsere Familie Pfarrer hervor.» Die lückenloses Sukzession wäre beinahe durch die Zeitgeschichte beendet worden. Denn der Bubentraum, eines Tages ebenfalls in die Fussstapfen des Vaters zu steigen, stand quer zur religionspolitischen Wirklichkeit. «Die Kommunisten wollten keine Pfarrerausbildung für uns Reformierte zulassen», sagt der alte Bischof. So hat er sich als Kaufmann, als Musiklehrer, als Schulleiter in der atheistischen Sowjetunion durchgeschlagen. 1991, als das Sowjetreich zerfiel, machte er sich nach Ungarn auf und studierte dort Theologie. Als der bald 50-Jährige zum ersten Mal auf der Kanzel stand, war seine Heimatkirche brechend voll. 2000 Menschen drängten in die Kirche – 1500 sassen und 500 standen.

Land der Minderheiten
Laszlo Horkay kommt aus einer verlassenen Gegend, bei der noch Gott zuhause ist – aus Transkarpatien, dem westlichsten Zipfel der Ukraine, wo rund 100'000 Ungarn als eine Minderheit in den Teppich aus Minderheiten eingewebt sind – Ruthenen, Rumänen, Slowaken und Ukrainer. Während nun Pfarrer Matthias Krieg von der Landeskirche der angereisten Gruppe aus der Ukraine erzählt, dass in Zürich sonntags nur die Altstadtkirchen voll sind, sonst aber in den Kirchen selbst ein Gottesdienstbesuch von zwanzig Menschen keine Seltenheit sei, kann Horkay sagen: «Die Leute bei uns sind starke Gläubige.» Zu Hunderten füllten sie das Kirchenschiff.

Die Jungen wandern ab
Aber auf den Balkonen der Kirche ist es leer geworden. Traditionell sitzt dort die Jugend. Wirtschaftliche Gründe, aber auch der Militärdienst lässt viele Junge nach Ungarn oder in andere EU-Länder auswandern. Dabei geniessen die Ungarn ein besonderes Privileg: Im Ungarn des Populisten Orban bekommen auf Antrag alle Ungarn jenseits der Grenze einen EU-Pass. Auch Horkays drei Söhne haben Transkarpatien den Rücken gekehrt – eine Entwicklung, die den 72-Jährigen betrübt.

Aber er weiss um die wirtschaftliche Not der Jungen, um die Korruption, die die ukrainische Ökonomie lähmt, um die Inflation. Er selbst mit seiner schmalen Rente von zirka 50 Franken monatlich schaltet im Februar, wenn die Temperatur oft noch unter Null fällt, die Heizung aus. «Wir packen uns dann in warme Jacken ein», sagt er auf englisch. Das hat der ungarisch sprechende Horkay auch erst spät gelernt. Russisch immerhin etwas früher, damals, als er seinen dreijährigen Dienst bei der Roten Armee absolvierte.

An der Spiegelgasse 14, wo einst der russische Revolutionsführer Lenin wohnte, kommt Horkay beinahe zwangsläufig auf das Thema Kommunismus zu sprechen. Immerhin hätten damals alle Arbeit gehabt. Dann erzählt er von den Folgen des Stalinismus. Dessen Antisemitismus hätten die Juden aus Transkarpatien getrieben, einem Landstrich, indem früher so viele Synagogen standen. Natürlich seien die Nazis mit ihrer brutalen Vernichtungsmaschinerie noch schlimmer gewesen.

Nach dem Rundgang durch die Altstadt öffnet sich die Tür zum Rathaus. Die Reformierten mit ungarischen Wurzeln, sonst als kleine Minderheit am Rande der Ukraine eher von der Zentralregierung vernachlässigt, empfängt der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr herzlich im Rathaus. In seiner Begrüssungsansprache betont er die Verbindung zwischen der Zürcher Reformation und den ungarischen Reformierten.

Heks fördert Frauenordination
Nach der kleinen Feier kommt Horkay im Gespräch auf die besondere Verbindung zum Hilfswerk der Evangelischen Kirche (Heks) zu sprechen. In Transkarpatien, Rumänien, Ungarn wie auch in der Slowakei unterstützt das Heks mit Projekten der kirchlichen Zusammenarbeit sozialdiakonische Angebote für Armutsbetroffene und Roma sowie Stipendien für Theologiestudierende. Ein Engagement, das sich auch positiv für die theologisch interessierten Frauen Transkarpatiens auswirkte. Denn von den 80 Pfarrstellen sind 20 von Frauen besetzt. «Das haben wir auch ein bisschen Heks zu verdanken. Sie regten schon 1991 an, unsere theologischen Fakultäten für Frauen zu öffnen.»

Delf Bucher / reformiert. / 14. Mai 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».