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Spiritualität

«Es war wie ein Sechser im Lotto»

Daniel Böcking ist stellvertretender Chefredaktor bei «Bild», Vater, Ehemann und bekennender Christ. Als er auf der Website von «Bild» seine Bekehrung outete, warf dies grosse Wellen. Er wollte zeigen, dass Glaube nicht Fanatismus, sondern den Appell zur Liebe bedeutet.

Bekehrungen geschehen in der Stille des Klosters, der Einsamkeit des Pilgerwegs oder in der Euphorie eines Missionszelts. Doch nicht im Ehebett – und dann unspektakulär. Genau dort erlebte Daniel Böcking seine Bekehrung. Nachdem er die drei Kinder ins Bett gebracht hatte, betete er wie jeden Abend. Er lag auf dem Rücken, die Hände gefaltet. Und «jetzt wird es etwas abgefahren», so Böcking, «eine Wärme rollte über mich». Böcking spürte plötzlich Tränen, es schüttelte ihn und er empfand «pures Glück». Er dachte, so fühlte sich dieser Moment mit Gott an: hell, warm, glücklich. «Es war das glücklichste Ja, das man sich vorstellen kann», sagt er später.

Böckings Erlebnis hätte das Schlafzimmer nie verlassen, wenn er nicht stellvertretender Chefredaktor der «Bild» wäre. Aufgerüttelt von den Massakern der ISIS wendet sich der 39-Jährige auf der Website der «Bild» an die Öffentlichkeit. Daniel Böcking will zeigen, dass Glaube und Christsein nicht Fanatismus, Gewalt und Hass bedeuten, sondern den Appell zur Liebe. Der Redaktor bekennt sich vor aller Welt frei zu Jesus.

Sein Coming-out erregt grosses Aufsehen und wird unzählige Male geteilt. Die Vorstellung vom Jünger Jesu in der Chefredaktion eines Boulevardblattes, das auf blanke Brüste und reis-serische Schlagzeilen setzt, befeuerte die Neugier zusätzlich. Daniel Böcking musste sich erklären, obschon er, wie sagt, gar nicht gerne im Rampenlicht stehe. Letztes Jahr veröffentlichte er das autobiografische Buch über seine Bekehrung. Mit dem Titel «Ein bisschen Glauben gibt es nicht».

«Ich war ein bisschen gläubig»

In Daniels Kindheit und Jugend gehörte Glaube dazu, so wie bei Millionen anderen Deutschen: Katholische Pfadfinder, CVJM, dann Religionsunterricht und die Konfirmation. Gottesdienste waren nicht etwas, worauf Daniel sich am Sonntag freute. «Ich war ein bisschen gläubig, eher nebendran», sagt er.

Daniel Böcking bewirbt sich an der Axel-Springer-Akademie, wird in Düsseldorf «Bild»-Reporter und macht alles, «um im Journalismus ganz weit nach vorne zu kommen». Er träumt von der «ganz grossen Schlagzeile».

Doch es kommt anders: Daniel Böcking wird in der Chefredaktion mit der Digitalstrategie beauftragt. Er reist an die Katastrophenherde der Welt, um für die «Bild»-Leser vor Ort live zu berichten. Seine erste Station ist Haiti, das 2010 von einem Erdbeben heimgesucht wird. Böcking begleitet einen Hilfstransport nach Haiti. Der ehemalige Polizeireporter, der sich für abgebrüht hält, trifft dort auf unsägliche Verzweiflung, Schmerz, Leid und Tod. Und er begegnet ehrenamtlichen Helfern von christlichen Hilfsorganisationen, «die aus Gottesvertrauen und Gotteskraft handeln. Ohne sich zur Verzweiflung bringen zu lassen, das Leid auszublenden oder zu hadern, haben sie die Stärke und Kraft aus ihrem Gottesvertrauen gezogen», erzählt er den Medien. Böcking ist beeindruckt und besucht ihre Gebete.

Später erlebt er in Chile abermals dieses Gottvertrauen. Böcking weilt dort, um über das Schicksal der Bergleute zu berichten, die nach einer Explosion in der Grube eingeschlossen sind. Er harrt mit den Angehörigen wochenlang aus, erlebt ihr Bangen um ihre Väter und Ehemänner und ihre Hoffnung. Ihre tief religiöse Haltung beeindruckt ihn.

Seine nächste Reportage soll nicht über eine Katastrophe sein. Der Redaktor besucht 2010 die Love-Parade von Duisburg. Die Stimmung ist gut, die Menge tanzt zur Musik. Doch der Umzug wird zum Desaster. 21 Jugendliche werden in einer Unterführung erdrückt. Böcking erlebt den Tod hautnah, er sieht die Leichen, den Schmerz der Freunde und der Angehörigen. Wiederum stellt er sich die Frage nach Glaube und Gott.

In dieser Zeit nimmt Böcking Kontakt zu den verschiedensten Christinnen und Christen auf. Er tauscht sich mit ihnen aus und besucht Gottesdienste. Er liest die Bibel und betet regelmässig. «Ich habe gemerkt, dass es totaler Irrsinn ist, wenn ich sage «ich glaube an Gott», ohne dass er der Wichtigste in meinen Leben oder der Dreh- oder Angelpunkt ist», erzählt er in einem Interview. Böcking wird bewusst, wenn die Jesus-Botschaft von Frieden, Vergebung und Erlösung stimmt, dann «solltest du dein ganzes Leben danach ausrichten. Das war wie ein Sechser im Lotto.» Böcking spricht mit seiner Frau und Freunden über seinen neuen Glauben. Er fängt an, sein Leben zu verändern. Doch so «sündig» ist sein Alltag zwischen Redaktionsstress und Partys nicht. Trotzdem will er sich auf den «schmalen Pfad begeben, auf den uns Jesus in der Bibel ruft». So schwört er den durchzechten Nächten mit Freunden, reichlich Bier und deutschem Schlager ab. Im Job strebe er nicht mehr nur nach Anerkennung wie früher. Er trinkt keinen Alkohol und im Ausgang ist er nicht mehr «der Letzte an den Tresen». Dafür nimmt er sich mehr Zeit für die Familie.

Seine Arbeit bei der «Bild» sieht er nicht als Problem. Immer wieder wird er gefragt, wie er als Christ dort arbeiten könne. Seine Antwort: «Warum denn nicht? Ich bin am rechten Platz – auch im Sinne Gottes. Es heisst, man solle dort blühen, wo Gott einen hingesät hat.»

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 23.5.2017

Böckings Outing in der «Bild»

Dieser Text fällt mir nicht leicht. Denn ich schreibe ihn nicht als «die Bild» oder als neutraler Reporter. Sondern als Christ. Als Christ, der mit dem ISIS-Wahnsinn überfordert ist.

Auch mancher Kollege mag sich wundern, denn ich renne nicht täglich mit einem Schild durch die Redaktion, auf dem steht: «Guckt mal! Ich bin Christ und versuche jeden Tag aufs Neue, mein Leben in den Dienst von Jesus Christus zu stellen.» Ich bin nicht die Kirche und kein Lobbyist einer religiösen Organisation. Ich bin nur einer von Millionen Christen. Und zum ersten Mal schreibe ich darüber. 

Denn ich kann nicht länger die Füsse stillhalten – oder besser: die Finger. Für mich ist es Zeit, laut von der Liebe Gottes zu erzählen und von der Vergebung durch Jesus Christus. Von unseren Werten als Christen und warum sie genau jetzt so wichtig sind! . . .

Das Neue Testament gibt uns keinen Kampfauftrag. Im Gegenteil: Es ruft zum Frieden auf, oft sogar zum Erdulden von Ungerechtigkeiten. Auch Christen haben das schon ignoriert und Furchtbares angerichtet. Aber müssen wir deshalb heute still sein? Ganz sicher nicht! Im Gegenteil!

Wieder und wieder werden wir in der Bibel aufgefordert, uns frei und ohne Angst zu Gott und Jesus zu bekennen. Und damit zu den Grundpfeilern der guten Nachricht: zu Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung. Auch dieses offene Bekenntnis ist eine Tat und der beste Anfang.

Wie schön wäre es, wenn solche Botschaften Twitter und Co. überfluteten. Wenn wir von unserem Glauben berichten, in dem es eben nicht um Rache oder Kreuzzüge geht. Jesus hat nicht «Auge um Auge» gepredigt, sondern die berühmte andere Wange, die wir hinhalten sollen. Glaube darf nicht zerstörerisch sein. Mein Glaube ist friedlich und versöhnlich. . . .

Ich habe für mich gelernt, was der Glaube in meinem Leben verändern kann. Wie mächtig die Liebe ist. Christ-Sein bedeutet mehr als stille Gebete und fromme Worte im kleinen, privaten Kreis. Christ-Sein heisst handeln. In der Familie, im Freundeskreis, bei der Arbeit, öffentlich. Der Glaube an Gottes Liebe, Gnade und Vergebung ist kein Problem, sondern unsere Chance.

(gekürzt von bild.de)