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Kirche

Terror überschattet Dialog von Christen und Muslimen

Gespenstische Stille beim Kirchentag als der Anschlag an christlichen Kopten in Ägypten bekannt wird. Der Terror und der Dialog mit dem Islam bestimmen den protestantischen Grossevent in Berlin.

Punkt zwölf Uhr in der Berliner Messehalle 20: Tausend Kirchentagsbesucher erheben sich um in Stille der Opfer des Terrors, der Gewalt, den bei der Flucht im Mittelmeer Ertrunkenen eine Minute lang zu gedenken. Wenige Minuten später musste der deutsche Innenminister Thomas de Maizière, der im Gespräch mit dem ägyptischen Grossscheich der Kairoer al-Azhar-Universität, Ahmad al-Tayyeb, war, sagen: «Gerade ist mir gesagt worden, dass mindestens 23 Kopten auf der Busfahrt zu einem Kloster bei einem Bombenanschlag getötet wurden.» Mit besorgter Miene nahm nun der oberste Geistliche der sunnitischen Welt das Mikrofon und sagte: «Es ist nun meine Pflicht, nicht nur den Angehörigen der Opfer von Manchester mein Beileid auszusprechen, sondern auch den koptisch-ägyptischen Familien.»

Der Terror hatte beim Kirchentag die visionäre Debatte um den Frieden zwischen den Religionen eingeholt. Eine Viertelstunde zuvor endete der Direktor der renommierten  Al-Azhar-Universität mit einem visionären Appell seine Rede: «Einstimmig sollen die Glocken der christlichen Kirchen und die Muezzins  zum Gebet rufen und die Botschaft verkünden: Keine Gewalt im Namen der Religion! Überwindet die Kultur des Hasses, damit alle Menschen in Frieden leben können!»

Realpolitik im Zeichen des Terrors
Unabhängig vom jüngsten Anschlag in Ägypten durchzieht das Thema Terror den Berliner Kirchentag, prägt die Gefühlslage der Besucherinnen und Besucher.  Schon gestern beim grössten Event des reformierten Kirchenfestes, als Barack Obama vorm Brandenburger Tor mit Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutierte, war spürbar: Nach dem Anschlag auf Manchester erschien die kritische Frage eines jungen Studenten aus Mannheim, dass die von Obama ausgelösten Drohneneinsätze Hunderte von Zivilisten getötet haben, deplatziert. Oder besser: Sie war eine Steilvorlage für Obama, der antwortete: «Das sind Gruppen, die bei einer Veranstaltung wie dieser eine Bombe zünden würden.» Ein solcher Satz macht nachdenklich und zum Schluss der Einlassungen des Yes-we-can-Propheten gab es grossen Beifall. Denn das Gebot «Du sollst nicht töten», das seit Ende der 1960er-Jahre die Kirchentage zur Plattform des Pazifismus gemacht hatte, büsst heuer viel von seinem prinzipiellen Anspruch ein. Heute ist das politische Klima des Kirchentags geprägt von Realpolitik. Radikale christliche Friedensethik ist ein Auslaufmodell. Das spürte auch der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Seine Intervention, keine Flüchtlinge aus Afghanistan abzuschieben, nutzte die Kanzlerin zu einem staatsmännischen Plädoyer für den Rechtsstaat. Und ihr Wahlkampfhelfer Obama sprang ihr bei: «Wir sind Staatschefs und verfügen nur über begrenzte Ressourcen.»

Imame von deutschen Unis
Auch die Rede des CDU-Politikers Thomas de Maizière, der den umstrittenen Begriff der Leitkultur erst vor Kurzem ins politische Wahlkampfvokabular aufgenommen hat, erhielt viel Beifall. Der Innenminister kritisierte darin die Kirchen für ihre «Friede-Freude-Eierkuchen»-Toleranz und forderte den wehrhaften Staat, der die «Toleranz gegenüber den Intoleranten» nicht überspanne. Die Muslime sollten integriert werden. Aber das Eintrittsbillett dazu sei, die «Grundwerte unserer Gesellschaft zu akzeptieren». Was aber den deutschen Innenminister und Präsidenten der deutschen Islamkonferenz von Schweizer Verhältnissen unterscheidet, die teilweise durch den Bildungsföderalismus bestimmt sind: Er setzt sich engagiert für den Ausbau der Imam-Ausbildung an deutschen Universitäten ein.

Delf Bucher / reformiert. / 26. Mai 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».