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Kirche

«Kirchentag gegen die Angst»: 120'000 feierten in der Lutherstadt Wittenberg

30.05.2017
Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2017 stand im Zeichen des Reformationsjubiäums. Weit über 100'000 Teilnehmende besuchten während vier Tagen in Berlin mehr als 2500 Veranstaltungen. Doch die grösste Feier stieg am Sonntag in Wittenberg

120'000 Menschen fanden zum abschliessenden Festgottesdienst in Wittenberg zusammen. Wittenberg als Krönung des Kirchentags –darauf hatten sich die Organisatoren nach langen Diskussionen geeinigt. So viel Luther musste doch noch sein, obwohl der Kirchentag 2017 zum Reformations-Jubiläumsjahr nicht ein reines Luther-Festival sein sollte. Was es auch nicht war.

Bei schönstem Wetter und tropischen Temperaturen trafen sich die Kirchentags-Teilnehmer vor den Toren der Lutherstadt, auf einer riesigen Feldwiese mit Blick auf Schloss- und Stadtkirche. Der Gottesdienst war ein würdiger Anlass, ein Fest des Glaubens. 6000 Blasinstrumente intonierten die Musik, die Menschen sangen gemeinsam «Gott sieh mich an»oder «We shall overcome», lauschten dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, beteten das «Vaterunser» und nahmen gemeinsam das Abendmahl ein.

Autoritäten hinterfragen
Am Gottesdienst traten prominente Redner auf.Erzbischof Thabo Makgoba etwa von der Anglikanischen Kirche in Südafrika, der in seinem Land Korruption und Vetternwirtschaft anprangert und dabei auch dem Streit mit Präsident Zuma nicht aus dem Weg geht. In Wittenberg pries er Reformator Martin Luther als Mann, der Autoritäten hinterfragte und einer der «wahren Väter demokratischer Freiheit»sei. Auf die heutige Zeit bezogen, mahnte Makgoba unter Beifall zu mehr Mitmenschlichkeit und Engagement gegen Extremismus, Nationalismus und Isolation. Nicht die Interessen einzelner Gruppen gelte es im Auge zu behalten, sondern die der Gesellschaft.

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, rief die Anwesenden dazu auf, nach dem Motto «radikal glauben, radikal lieben und radikal hoffen»aktiv zu werden und sich überall dort einzumischen, wo die Würde des Menschen bedroht ist und die Natur als Schöpfung Gottes zerstört wird. Das sei die Berufung, aus der Christinnen und Christen lebten.

«Streiten lohnt sich»
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte in seinem Votum an Martin Luther, der vor 500 Jahren mit seinem Mut, festen Glauben und der Macht des Wortes die Welt verändert habe. Das wirke bis heute. Ohne das soziale und geistliche Engagement der Kirchen würde der Gesellschaft viele Wärme und Menschlichkeit fehlen. Den Wert des Dialogs, wie er am Kirchentag gepflegt wird, hob Christina aus der Au hervor, die Schweizer Theologin, welche den Deutschen Kirchentag in diesem Jahr präsidierte. «Dialog heisst auch Kontroverse. Wir streiten wie einst Luther und Zwingli. Das ist urprotestantisch und es lohnt sich», so aus der Au.

Prominente Gäste
Überhaupt war es ein Kirchentag des Dialogs. Ein Hauptereignis war das Treffen des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor am letzten Donnerstag. Die beiden reflektierten ihren Glauben, bekannten, dass er ihre Arbeit prägt und führten eine nachdenklich stimmende Debatte über Gesinnungs- und Verantwortungsethik zur Frage: Was will ich als Politiker im Idealfall –und was geht in der Wirklichkeit?

Im Zeichen des Dialogs stand auch das Gespräch zwischen dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière und Scheich Ahmad al-Tayyeb, Grossimam der Kairoer Azhar-Universität. Natürlich wurden dabei nicht die grossen Probleme erörtert, doch immerhin kam es zu einem Austausch der Meinungen und damit zu einem Stück christlich-muslimischer Begegnungsarbeit.

Viele weitere der rund 2500 Veranstaltungen des Kirchentages widmeten sich grossen Herausforderungen der Menschheit. Wie die weltweite Armut zu verringern sei, fragte etwa ein Anlass, an dem Melinda Gates von der Bill und Melinda Gates Foundation teilnahm. Klimawandel und die Nachhaltigkeit generell wurden thematisiert, auch Flucht, Migration und Integration; mit einer Schweigeminute wurde am Kirchentag der Opfer an den europäischen Aussengrenzen gedacht.

In Zeiten des Terrorismus
Der Kirchentag hat in Zeiten des Terrorismus auch ein Zeichen gesetzt. Er konnte ohne terroristische Attacken durchgeführt werden. Weit über 100'000 Besucherinnen und Besucher kamen in Berlin und Wittenberg zusammen – und alles blieb friedlich. Die Stimmung war von grosser Gelöstheit und Friedfertigkeit geprägt. Kirchentagspräsidentin Christina aus der Au zog die Bilanz, man habe sich nicht einschüchtern lassen und sich nicht hinter Mauern zurückgezogen. Sie sprach von einem «Kirchentag gegen die Angst». Gegen die Verunsicherung und gegen Angst als politisches Argument. «Aber auch gegen die Angst, sich mit denen auseinanderzusetzen, die anders denken und handeln», so Christina aus der Au.

Stefan Schneiter / reformiert. / 29. Mai 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».