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Kirche

Die St. Galler Bilderstürme

03.07.2017
Die Bilderstürme der Reformation richteten sich nicht nur gegen die bildlichen Darstellungen als Ausdruck einer aus Sicht der Reformatoren götzenhaften Religiosität. Gerade in St. Gallen waren sie auch ein Ventil gegen den Druck der Machtverhältnisse. Es ging um die Vernichtung der religiösen, kulturellen und politischen Macht der Fürstabtei. Die zerstörten Bilder leben freilich weiter. Im Rückblick mischen sich die Gefühle.

Einer der Gründe für die Bilderfeindlichkeit der Reformation lag in der grossen Zunahme von Kultstätten und Bildern im Spätmittelalter. Als Folge von Katastrophen und Kriegen vibrierte die Welt mit einer plakativen Religiosität. Parallel dazu hatte sich die Kunstproduktion in nie da gewesenem Ausmass entwickelt, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Dieser Wirtschaftszweig brach in der Reformation völlig zusammen. 

33 Altäre im Jahr 1529

Im St.Galler Münster und in den Kapellen des Klosters gab es Anfang 1529 nicht weniger als 33 Altäre, im Berner Münster 26, in der Kirche einer mittleren Stadt wie Winterthur 13, in den Landkirchen in der Regel drei bis fünf. Und auch im Freien waren allenthalben religiöse Bilder anzutreffen, so auf dem Klosterhof eine 1480 von der Familie Grübel gestiftete Ölberggruppe – ein Motiv das damals weit verbreitet war. 

Für die Erstellung und Pflege der vielen Kultstätten wurden bedeutende ökonomische Mittel eingesetzt, und so hatte die Sorge um das Jenseits gewissermassen begonnen, die Überhand gegenüber der Sorge um das Diesseits zu gewinnen.

«In zweieinhalb Stunden wurden 40 Wagenladungen mit Bildern und sakralen Kultobjekten zerstört und verbrannt.»

Vorbild für die Bildersturmbewegung in St.Gallen war Zürich. Dabei griff Zwingli auch persönlich ein, etwa als er Anfang 1529 zum Münstersturm drängte. Die Verhältnisse hier waren allerdings kompliziert, und so finden wir in St.Gallen fast das ganze Repertoire, das zur Anwendung kommen konnte: 1525 bis 1529
obrigkeitliche Bilder- und Altarbrüche in den Stadtkirchen unter Missachtung der klösterlichen Rechte, 1527 und 1528 teils gewaltsame Übergriffe der Stadt auf das Eigentum der beiden Frauenklöster St.Katharinen und St.Leonhard und am 23. Februar 1529 schliesslich der tumultuöse Bildersturm im Münster, der Züge einer kriegerischen Handlung trug. 

Der Münstersturm ist übrigens recht gut belegt. In zweieinhalb Stunden wurden 40 Wagenladungen mit Bildern und sakralen Kultobjekten zerstört und verbrannt. 

Altar zum Tisch umfunktioniert

Neben Altären, Bildern und Statuen waren auch weitere Dinge durch die Stürme betroffen, etwa das Allerheiligste, liturgische Bücher, religiöse Briefe, Orgeln und Gräber. Besonders schwer wogen die Zerstörung der Gedenkstätten von Gallus, Wiborada, Rachild und Magnus sowie der Abbruch der Galluskapelle. Es kam auch zu Verspottungs­aktionen, etwa indem die Stadt aus den Klosterglocken in Lindau ein grosses Geschütz giessen liess oder der Altar der Klosterkirche als Tisch im Schützenhaus verwendet wurde.

Zürcher Expansionspolitik

Der Bildersturm erscheint uns heute wie ein Fieber im Ringen um Macht zwischen Stadt und Kloster. Dabei setzte Vadian alles auf die Karte Reformation. Sein Plan, das Kloster zu beerben, war jedoch schon zur Zeit des Münstersturms mehr Wunsch als Wirklichkeit. Denn das mächtige Zürich, 1528 bis 1531 mit dem im Kloster residierenden Schirmhauptmann Jakob Frei militärisch präsent, nutzte jeden entstehenden Spielraum sofort für die Ausdehnung der eigenen Stellung. Hätte Zürich den Zweiten Kappelerkrieg gewonnen, wären die Gebiete des Klosters, das Fürstenland, das Toggenburg und das Rheintal wohl zürcherisch geworden, vielleicht sogar die Stadt selber. Bilder hin oder her. 

Die Opfer haben das Wort

Zum Schluss sollen die Opfer das Wort haben: Der Mönch und Organist Fridolin Sicher verglich die Bilderstürme in den Stadtkirchen mit einer Kerze, die abbrennt: «also züntz ab nach und nach wie ain kerz.» Und Wiborada Fluri vom Kloster St.Leonhard konnte ihr Leid nach der Entfernung der Bilder und heiligen Zeichen aus der Kirche nur noch Gott anvertrauen: «Das waist got min her, dem sig es geklagt und allen himmelsher».

 

Text: Cornel Dora, Stiftsbibliothekar | Bild: August Hardegger, © Stiftsbibliothek St. Gallen – Kirchenbote SG, Juli-August 2017