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Gesellschaft

«Der Mensch wird überbewertet»

Wie frei ist der Mensch? Ist er nur eine Marionette seiner Gene? Eine Frage, die Hansjakob Müller, emeritierter Professor fürs Fachgebiet Medizinische Genetik, ambivalent beantwortet. So beantworten muss.

«In meinem Arbeitsfeld habe ich erfahren, wie stark Gene den Menschen einschränken können. Die Beeinträchtigungen, die durch Schäden des Erbguts auftreten, sind beträchtlich.» Deshalb steht Müller beispielsweise der Pränatalen Diagnostik positiv gegenüber, «aber immer zum Wohle des Kindes». Er tut dies mit einem weiteren Aber: «In den Medien werden die Erfolge der Medizinischen Genetik überbewertet. Dabei sind bisher nur ganz wenige Gene ausreichend erforscht. Das Erbgut wurde zwar entschlüsselt, aber das ist lediglich eine Reihe von Buchstaben. Wie die Gene im ‹Gesamtkonzert› zusammenspielen, davon besteht kaum eine Vorstellung.» Relativierend bringt er auch ins Spiel, dass für die Forschung in die Gentherapie viel Geld investiert worden sei, die Erfolge im Vergleich aber weitgehend ausgeblieben seien.

Wo aber verhelfen die Gene dem Menschen zu mehr Freiheit? «Wenn Menschen zu grossen Leistungen fähig sind, dann hat das unter anderem mit den Genen zu tun», hält Hansjakob Müller fest. «Ergebnisse aus der Zwillingsforschung belegen, dass in den ‹guten Genen›, wie der Volksmund sie benennt, Fähigkeiten und Möglichkeiten angelegt sind. Dass Kinder aus Musikerfamilien wieder Musiker werden, hat unter anderem mit den Genen zu tun, wie es die Familie Bach zeigt.»

Freiheit habe der Mensch aber auch durch seine Fähigkeit zu kommunizieren, erhalten. Und, als ob es Programm wäre, relativiert er seine Aussage mit einem Beispiel aus der Natur. «Ich habe kürzlich den Abflug der Staren beobachtet, ein unglaublich grosser Schwarm. Kein Chaos, sondern eine kommunikative Höchstleistung, die menschlichen Fähigkeiten in nichts nachsteht.»

Da fragt man sich, ob der Mensch die Krone einer Schöpfung darstellt, die – gemäss der Bibel – gut gelungen ist. «Nein! Die Theologie neigt zur Überbewertung des Menschen. In der Schöpfung ist vieles misslungen. Sie ist ein grosses, kreatives Experiment, bestimmt vom Werden und Vergehen.» Hansjakob Müllers Folgerung aus dieser Tatsache lautet: «Mir ist es egal, ob es mich nach dem Tod noch gibt.» Das wiederum betrachtet er als grosse Freiheit, denn «es erleichtert es mir, diese Welt einmal verlassen zu können».

Dass dieser Experimentierkasten namens Natur den Genetiker fasziniert, hat keine religiösen Wurzeln, sondern genetische Gründe: «Mein Vater war Botaniker, von ihm habe ich die Liebe zur Natur geerbt.» Auch wenn der Genetiker Religion und wissenschaftliche Tätigkeit strikt trennt, gibt es zu seinem Fachgebiet einen Bezug. «Gene können Gutes oder Schlechtes bewirken, sie können Freiheit geben oder stark einschränken – die Religion ebenso.»

In Chur aufgewachsen, hat er die einengende Wirkung der Kirchen erlebt, deren Moralvorstellungen das Leben damals noch stark bestimmten. Doch ausgerechnet im Einschränkenden erkennt Müller auch eine positive Funktion von Religion im Zusammenspiel mit den Wissenschaften: «Religion muss mit ihren Wertvorstellungen Wissenschaft in menschengerechten Bahnen halten. Deshalb sollte, ja muss sie sich über wissenschaftliche Errungenschaften informieren.» Bei Hansjakob Müllers oben erwähnter Maxime «Zum Wohle des Kindes» muss es sich um diesen religiösen Anteil in seiner von der Wissenschaft geprägten Lebenswelt handeln. Franz Osswald Zur Person: Hansjakob Müller ist Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik des Universitätskinderspitals beider Basel.

28.9.17/Tilmann Zuber