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Gesellschaft

«Kein Glaube, aber Vertrauen»

Er amtete viele Jahre als Kirchenrat, bezeichnet sich aber im üblichen Sinne als ungläubig: Der Naturwissenschaftler Hansruedi Hartmann. Er übersetzt den Begriff «Glaube» mit «Vertrauen» und glaubt nicht an biblische Wunder. Kirchenmitglied bleibt er dennoch.

«Ich bin ein bekennender Christ und Protestant», eine Aussage, die zu einem langjährigen Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt passt, wie es Hansruedi Hartmann war, – wenn da nicht noch ein Nebensatz folgen würde, «aber im üblichen Sinne ungläubig.» Glauben gibt es in der Naturwissenschaft nicht, aber vertrauen muss der Wissenschaftler auch physikalischen Gesetzen.

Vertrauen tut er jenen biblischen Aussagen, bei denen es um ethische Richtlinien und Lebenshilfen geht. Hartmann: «Paulus hat anstelle der Sippenhaftung aus der griechischen Geschichte den Menschen eigenverantwortlich erklärt. Die von Paulus gegründeten Gemeinden sind christlich-ethischem Handeln und der Gemeinschaft verpflichtet.»

Für Hansruedi Hartmann braucht es Wunder gar nicht – nicht mehr: «Natürlich habe ich wie die meisten Menschen eine Entwicklung mitgemacht.» Als Kind könne man noch an Wunder, wie sie in der Bibel geschildert sind, glauben. «Auf die in der Bibel geforderte Liebe kann ich vertrauen, auch ohne gläubig zu sein. Auf die wörtliche Auslegung der Auferstehung haben aber auch namhafte Theologen verzichtet. Wie Adolf Muschg bin ich der Ansicht, das Leben und Sterben Christi sei so beispielhaft, dass man die Auferstehung auch nicht wörtlich verstehen muss.»

Hartmann hört oft den Vorwurf, wie kannst du leidenschaftlich sakrale Musik hören und dabei alle biblischen Wunder als Esoterik ablehnen? Seine Antwort: «Diese Musik ist göttlich, aber sie ist von Menschen gemacht; das macht sie um kein Jota weniger wertvoll und eindringlich. Für den Umgang mit der Bibel gilt es, die eigentliche Aussage als Aufforderung zum Handeln zu verstehen», sagt Hartmann. Deshalb hätten gläubige Christen unabhängig davon seine volle Achtung – solange sie im christlichen Sinne ethisch handeln.

In der Vielfalt der Glaubensausrichtung seien alle bekennenden Christen für die Gemeinde gleich wichtig. «Ich empfinde die evangelische Kirche als solidarisch handelnde Gemeinschaft, sonst wäre ich schon lange ausgetreten.» Ist wissenschaftlich abgeklärtes Denken mit einem traditionellen Glauben für ihn nicht vereinbar? Darauf angesprochen, fällt Hansruedi Hartmann Immanuel Kant ein, der beides in sich vereinigte und das Verständnis von Religion nachhaltig verändert hat. «Er war gläubiger Lutheraner und der wichtigste Vertreter der Aufklärung. Ein Naturwissenschaftler muss auf der Falsifizierbarkeit wissenschaftlicher Aussagen bestehen. Albert Einstein hat es so gesagt: ‹Wissenschaft ist der aktuelle Stand des Irrtums.›» Um dem zu begegnen, präzisiert Hartmann, «bedarf es des ständigen Hinterfragens. Aber auch die kritisch-historische Bibelwissenschaft muss auf dem Grundsatz ‹semper reformanda›, sich immer zu erneuern, bestehen.»

28.10.2017/Franz Osswald

Zur Person: Hansruedi Hartmann ist Biochemiker, Kirchenrat und Mitglied der Ethikkommission der Nordwest- und Zentralschweiz