Logo
Kirche

«Die Bibel kann nicht als Wahrheit gelten»

Das Engagement der Kirche beim kommenden «Denkfest» der Freidenker wirft Wellen. Der junge Referent Raphael Dorigo sagt im Interview, was er am Glauben kritisiert.

Raphael Dorigo ist einer der jüngsten Referenten an der Veranstaltung «Denkfest» der Freidenker-Vereinigung der Schweiz vom 2. bis 5. November. Thema des Anlasses ist «Reformationen des Denkens» – ein Grund, dass ihn auch die reformierte Landeskirche und die reformierte Kirche der Stadt Zürich unterstützen. Und dass dies in die Schlagzeilen geriet.

Es ist viel und wohlüberlegt, was der heutige Atheist Dorigo auf seinen Kirchenkritik-Blog schreibt. Der 24-Jährige berichtet von seiner Vergangenheit als engagierter Gläubiger in der reformierten Kirche, vom aufkommenden Zweifel daran, von seinem Austritt – und vor allem beleuchtet er ausführlich kritisch die Bibel, ohne aber abfällig zu werden gegenüber Schrift und gläubigen Menschen. Unter anderem heisst ein Beitrag «Was das evangelisch-reformierte Christentum gut macht», in dem er zum Beispiel Gemeinschaft, Reflexion und Bescheidenheit positiv hervorhebt.

Raphael Dorigo, gibt es Menschen, die nichts glauben?
Nein, das glaube ich nicht. Man muss sich dabei aber darüber im Klaren sein, dass das Verb «glauben» verschiedene Bedeutungen haben kann. Generell steht es für vages Vermuten, manchmal auch für Vertrauen oder Hoffen. Der «Glaube» in der Religion hingegen bezeichnet ein starkes, dogmatisches Überzeugtsein/Wunschdenken (Hebräer 11,1), das völlig ohne Begründung auskommt. Und ob das bei jedem Menschen vorkommt oder nicht, sei dahingestellt.
Aber ganz gleich, wie viele Menschen sich auf diese «Erkenntnismethode» verlassen und was sie damit «begründen»: Es ist fragwürdig, etwas ohne guten Grund für wahr zu halten und dann sein Leben darauf aufzubauen. Gläubige können das in aller Regel bei anderen Glaubensrichtungen problemlos feststellen, aber der kritische Blick nach innen ist ein wenig getrübt.

Aber wenn dieser Glaube einer Person das Leben erleichtert und zugleich niemandem sonst zur Last fällt – ist er dann auch fragwürdig?
Lassen Sie mich dafür auf einen Vergleich zurückgreifen. Stellen wir uns vor, jemand, den Sie kennen, erhält ein E-Mail, das angeblich von einem nigerianischen Prinzen stammt, der einen Geldbetrag von mehreren Millionen verschenken möchte. Die Person glaubt dieser Nachricht und richtet ihr Leben nach der Annahme aus, irgendwann dieses Geld zu erhalten, und verbringt viel Zeit mit dem Schreiben von Mails an den Prinzen. Was würden Sie dieser Person sagen?
Natürlich steht es ihr frei zu glauben, was sie möchte, aber man muss sich bewusst machen, dass diese unbegründete Ansicht Auswirkungen auf Leben und Entscheidungen dieser Person hat. Es spielt eine Rolle, was man über die Realität glaubt.
Und da muss man sich dann halt die Frage stellen: Ist mir Wahrheit oder Bequemlichkeit wichtiger? Ich denke, die allermeisten Leute würden die Ansichten der beschriebenen Person besorgt kritisieren und wären wenig beeindruckt von Einwänden wie «Aber es gibt mir Hoffnung» oder «Du kannst nicht beweisen, dass ich das Geld nie kriegen werde».

Was ist für Sie ein gläubiger Mensch?
Jemand, der an einen Gott oder Götter glaubt. Jemand, den ich nicht für dumm halte, sondern von dem ich denke, dass seine Ansichten nicht gerechtfertigt und bisweilen falsch sind.

Sie möchten mit Ihrem Bibelkritik-Blog den Lesenden den Horizont erweitern, sowohl den gläubigen als auch den nicht-gläubigen. Ihr Antrieb ist es also nicht, Menschen vom Glauben abzubringen?
Ich möchte und kann auch gar niemanden zu irgendetwas zwingen. Ich persönlich bin froh, wenn sich jemand vom Dogmatismus der Bibel entfernt und anfängt, frei und rational darüber nachzudenken, wie sie oder er sein Leben gestalten möchte. Aber die Leute müssen letztendlich selbst wissen, was sie aus ihrem Leben machen möchten.

Sie wünschen Ihren Lesern etwas, das in der Bibel steht (Prüfen und Gutes behalten) – das wirkt eher inkonsequent neben Ihrer Aussage, dass die Bibel «nichts weiter» sei «als ein unbegründeter Behauptungskatalog».
Natürlich ist diese Aussage sehr plakativ – selbstverständlich steht mehr in der Bibel. Aber die Aufforderung, zu prüfen und das Gute zu behalten, ist ja – wie alles andere Positive, was in der Bibel steht – unabhängig davon, dass sie in der Bibel steht, gut. Die Bibel hat das ja nicht erfunden.
Aber es steht eben drin, und da es in meinem Blog um die Bibel geht, dachte ich, es wäre passend, es zu zitieren. Dabei stütze ich mich aber nicht auf die Autorität der Bibel. Zumal ja auch gar nicht zu sehen ist, woher sie die nimmt.

Manche Gläubige finden, Atheismus sei ebenfalls ein Glaube. Was sagen Sie dazu?
Wenn ich denke, dass ich eine andere Anschauung dadurch abwerten kann, dass ich sie mit meiner eigenen gleichsetze, was sagt das dann über meine eigene Anschauung aus? Zudem ist es schlicht nicht korrekt. Wenn nichts darauf hindeutet, dass es Allah, Elfen oder die Schlümpfe gibt, sind dann die Ansicht, es gebe sie, und die Ansicht, es gebe sie nicht, gleichwertig?
Abgesehen davon muss ein Atheist nicht glauben, dass es keine Götter gebe. Zur Verdeutlichung: Wir stehen vor einem grossen Glas mit Murmeln und fragen uns: Ist die Anzahl Murmeln gerade oder ungerade? Die Gläubigen sind die, die meinen, sie sei gerade. Wenn ich jetzt sage «Das glaube ich nicht», dann behaupte ich nicht, sie sei ungerade. Ich bin bloss nicht davon überzeugt, dass sie gerade sein soll, weil keine guten Gründe vorgetragen wurden. Das ist meine Haltung zur Frage nach der Existenz von Göttern, und mehr als das muss Atheismus nicht beinhalten. Man kann die Pseudo-Erkenntnismethode des religiösen Glaubens hinter sich lassen.

Sie wüssten nicht, was die Wahrheit sei, schreiben Sie weiter, aber «was nicht als Wahrheit gelten kann, und das ist die Bibel» – was liberale TheologInnen auch nicht behaupten. Zugleich schreiben Sie an anderer Stelle, es sei nicht leicht zu bestimmen, was die Bibel lehre. Wie bringen Sie das zusammen?
Nun, wenn niemand behauptete, dass die Bibel wahr sei, dann wäre mein Blog nicht mehr nötig. Die Autoren der Bibel stellen eine Vielzahl unterschiedlichster Behauptungen auf, und einige davon widersprechen sich, etwa, was die Gesetze angeht. Deswegen ist nicht zu sehen, was nun die wahre Lehre der Bibel sein soll.
Und wenn Sie die von Ihnen angesprochenen Theologen oder andere Gläubige fragen, werden Sie feststellen, dass es so viele Christentümer gibt, wie es Christen gibt. Und dass irgendeines dieser Christentümer der Wahrheit entspricht, konnte bisher nicht demonstriert werden.

Mit den unterschiedlichen Aussagen in der Bibel reiht sie sich im Gesamten eigentlich genau in ihre Haltung ein, nicht zu wissen, was Wahrheit ist …
Eigentlich ja. Andererseits behauptet sie aber an so manchen Stellen, sie wisse es ganz genau, und viele Gläubige glauben ihr das auch.

Warum gibt es denn Ihrer Ansicht nach Religionen?
Eine grosse Frage, und so genau weiss ich das selbstverständlich auch nicht. Was sich sagen lässt, ist, dass der Mensch dazu neigt, Muster zu sehen, wo keine sind, und Unwissenheit und Sinnlosigkeit schlecht aushält. Deswegen gab es auch schon lange vor dem Christentum religiöse Kulte, die einen Plan hinter allem vermuteten und den Drang der Menschen nach Erklärungen und Sinn mit Mythengeschichten stillten.

Ist für Sie eine Menschheit ohne Religionen denkbar? Möglich? Wünschbar?
Das kann ich mir kaum vorstellen. Das Denken, das zu Religiosität führt, ist noch immer sehr stark in uns verwurzelt. Auch sind soziale und emotionale Faktoren, die Menschen in Religionen drin halten, oft extrem mächtig. Ob sich da viel ändern lässt, bezweifle ich.
Aber ich wünsche es mir auf jeden Fall, dass die Menschen rationaler werden und so vermehrt realitätsnähere Entscheidungen treffen können. Es ist ja nicht so, als gäbe es abseits der Religionen keinen Trost, keine Moral und keinen Sinn, was etwa das weitgehend religionsfreie Skandinavien eindrücklich aufzeigt, wo es der Gesellschaft sehr gut geht.

Marius Schären, reformiert.info, 18. Oktober 2017

Raphael Dorigo, 24, der «christliche Apostat und nun atheistische Blogger» – so wird er im Programm des «Denkfests» präsentiert – studierte angewandte Linguistik und ist seit einigen Jahren als Blogger tätig. Er wuchs christlich auf und war in der Kirche als Musiker, Jugendarbeiter und Prediger tätig. In einer Spirale der Nachforschung verflüchtigte sich schliesslich sein Glaube. Als Blogger verarbeitet er seither seine Gedanken und trägt kritisch zum Religionsdiskurs bei. Am Denkfest referiert er darüber, wie seine persönliche Reformation des Denkens ablief.