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Gesellschaft

Die Letzten Jahre

Die Lust am Reisen verband sie und ihn. Er wurde krank und erhielt eine niederschmetternde Diagnose. Trotzdem wollte das Ehepaar noch mehr von der Welt sehen.

Mein Mann und ich lernten uns eher spät kennen, waren als Singles beide begeisterte Reisende und trafen uns auf einer Reise in Ägypten. Im Tempel von Luxor wechselten wir die ersten Worte und der Funke sprang auf dieser gemeinsamen Tour, die der Anfang einer beglückenden Gemeinschaft wurde. Unsere Reiselust war ein stark verbindendes Element in unserem Leben.

So wurde nicht gezaudert und auf dem Ayers Rock streifte mir mein Liebster den Verlobungsring über und geheiratet wurde bald darauf in Hongkong. Die Welt erschien uns wunderbar, doch das Schicksal schlug hart zu: Bei meinem Mann wurde eine unheilbare Krankheit diagnostiziert und auf eine bange Frage folgte eine fürchterlich belastende Prognose: Lebensdauer drei Monate oder zehn Jahre.

Mein Partner liess sich wenig anmerken ob der Hiobsbotschaft, er sprach kaum je mit mir über seine Krankheit, wollte mich offensichtlich nicht belasten. Wir waren beide in anspruchsvollen Stellungen tätig, und wir wollten dies so lange wie möglich bleiben.

Ungebrochen war seine Reiselust und es war sein einziger Wunsch mit mir noch durch die Welt zu reisen. Ich fühlte mich bisweilen wie auf einer Bombe, die jederzeit explodieren konnte. Dies war bereits der Fall, wenn wir Konzerte oder andere Anlässe besuchten. Trotzdem begaben wir uns gemäss seinen Wünschen auf grosse Reisen. Es galt ja, keine Zeit zu verlieren, da sein Leben befristet war. Europa hatten wir längst erkundet, Japan, China, Afrika waren angepeilte Ziele und sein Herzenswunsch, Zentralasien, stand noch auf dem Programm.

Die Jahre waren glücklicherweise ohne gesundheitliche Rückschläge dahingegangen. Kirgisien und Kasachstan wurden prägende Erlebnisse. Doch dann in Usbekistan, in Buchara erfolgte ein schlimmer Einbruch: Notfallmäs-sig ins Spital eingeliefert, blieb mein Mann 24 Stunden bewusstlos. Dies genau nach zehn Jahren seit der unseligen Prognose. Im Spital, wo es nicht einmal Leintücher gab, tat die Ärzteschaft alles nur Menschenmögliche. Mein Mann erholte sich sukzessive, aber es war doch wie ein Schub, von da weg ging es rapid bergab und vieles wurde anders.

Mein Mann blieb geistig sehr präsent bis zum Ende – 14 Jahre nach der Prognose –, klagte nie. Wir haben immer wieder zusammen auch gelacht. Zum Streiten hatten wir keinerlei Veranlassung. Er hatte die Begabung, ganz im Hier und Jetzt zu leben. Die letzten Jahre waren schwierig, ich fand Kraft in meiner Arbeit, die mich davon abhielt, mich stets im Rad zu drehen. Ich lernte Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und wurde toleranter.

Immer wieder mal überfällt mich Trauer über den Verlust, aber es gibt auch Licht: Mein Mann war ein sehr guter Zeichner. Zum Andenken an ihn habe ich angefangen zu malen – und dies beglückt mich sehr.

Aufgezeichnet: Betty Peter, Kirchenbote, 23.10.2017