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Gesellschaft

Der letzte Flug

Diagnose Krebs, Lebenserwartung drei Monate. Trotzdem liess es sich der Schwager nicht nehmen, mit der Familie aufs Matterhorn zu fliegen, um aufs Leben anzustossen.

Es war eine schwierige und traurige Nachricht, als wir die Diagnose meines Schwagers erhielten. Speiseröhrenkrebs, drei Monate Lebenserwartung, sagten die Ärzte. Mein Schwager stand noch voll im Berufsleben, hatte wenig Beschwerden und erhielt nun schlagartig diese schwere Nachricht.

Im Wissen, dass die gemeinsame Zeit mit Res begrenzt ist, wollte ich mit ihm noch etwas Besonderes erleben. Ein unvergessliches Erlebnis sollte es sein. In langen Gesprächen über das Leben und Sterben fragten wir uns, wo wir uns einmal treffen, wenn wir alle tot sind. Wir einigten uns darauf, dass wir uns am Matterhorn oben links treffen würden. Das Bild unserer vereinigten Seelen dort oben tröstete uns in dieser Zeit.

Eines Morgens buchte ich spontan einen VIP-Helikopterflug. Mein Schwager, meine Schwester, mein Mueti, mein Mann und ich starteten an einem sonnigen Herbsttag im Helikopter von Beromünster aus Richtung Tessin, flogen über Kreten das Verzascatal hinunter nach Minusio. Wir sahen von Weitem den Ferienort, wo wir als Kinder die Ferien verbrachten, und flogen Richtung Wallis, wo unser Ziel das Matterhorn «oben links» war. Dort angekommen, begann der Pilot das Matterhorn zu umkreisen, wir konnten die Wiesen mit dem Übergang zu den Felsen sehen, Wanderer, Bergsteiger und Steinböcke entdecken, bis wir über dem Gipfel dieses stolzen Berges kreisten.

Das «Oben-Links» aber konnten wir schmunzelnd nicht finden. Der Flug ging weiter. Auf einem Gletscher machten wir einen Halt. Die wunderbare Stille, die Sonne, der Schnee und der zauberhafte Weitblick über die Schweiz. Die Sorgen waren in diesem Moment alle so klein. Gemeinsam stiessen wir mit Champagner auf das Leben an, auf die Verbundenheit und die Liebe, die über unser Erdendasein hinaus-
geht.

In der Zeit der Krankheit erlebten wir noch viele fröhliche Augenblicke. Die anfangs vorausgesagten drei Monate der Ärzte verlängerten sich auf über zwei gute Jahre. Wir kamen zum Schluss, dass das Sterben eigentlich gar nicht so schlimm sei, denn die schön gestaltete Zeit mit lieben Menschen ist doch das Wertvollste im Leben. Trotzdem, wir haben abgemacht, dass wir uns einmal treffen werden, am Matterhorn «oben links».  

Barbara Steiger, Kirchenbote, 23.10.2017