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Gesellschaft

«Es gibt bis zum Schluss etwas zu entdecken»

Interview mit Heinz Rüegger, darüber, was man im hohen Alter noch vom Leben erwarten darf.

Das Laub raschelt unter den Schuhen, der Kies knirscht. Am Morgen hat es geregnet. Die Sonne dringt durch den Nebel, lässt das Herbstlaub noch intensiver strahlen. Betagte spazieren durch den Park, langsam, schlurfend, manche am Stock. Andere umklammern den Rollator. Viele sind vom Alter gezeichnet: Die Hände verdreht, die Arme hängen kraftlos am Körper, Falten haben sich in die Gesichter eingegraben.

Heinz Rüegger und ich schreiten durch den Park des Spitals Zollikerberg. Rüegger ist Gerontologe im Institut Neumünster. Seit Jahrzehnten engagiert sich der Theologe für ein würdiges Leben im hohen Alter. In Vorträgen und Büchern fordert er statt Anti-Aging ein Pro-Aging, eine Lebenskunst, zu der das Altern gehört.

Kirchenobte: Welche Wünsche haben Menschen, wenn sie ans hohe Lebensalter denken?

Heinz Rüegger: Nicht dement werden. Nicht ins Pflegeheim müssen. Und dann: irgendwann einschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen.

Mehr erwarten sie nicht?

In zwanzig Jahren Gerontologie habe ich kaum jemanden angetroffen, der sich auf das vierte Lebensalter freut. Das ist tragisch: Wir investieren Milliarden in die Forschung, damit die Leute älter werden, doch niemand findet dieses hohe Alter erstrebenswert.

Warum? Was ist so schlimm? Gibt es nichts, auf das man sich freuen könnte?

Der Übergang vom 3. ins 4. Lebensalter ist eine besondere Herausforderung. Die Jahre zwischen 65 und 75 erleben viele als leuchtenden Herbst. Man geniesst die grosse Freiheit, ist fit und materiell abgesichert. Ab 80 Jahren fangen die Gebresten an. Die meisten haben Angst vor dem letzten Lebensabschnitt.

Was befürchten sie?

Dass sie zum Pflegefall werden, von anderen abhängig sind und den Angehörigen zur Last fallen. Die Angst zeugt davon, dass sich die wenigsten rechtzeitig Gedanken über ihr Alter machen. Das ist schade! Man braucht anderen nicht zur Last fallen, wenn man sich professionelle Unterstützung holt.

Ist das schlechte Image des hohen Alters berechtigt?

Altern ist nichts für Feiglinge. Das hohe Alter bringt grosse Herausforderungen. Die Kräfte und Fähigkeiten nehmen ab, viele leiden an Gebrechen und Krankheiten. Trotzdem gibt es lange Phasen mit hoher Lebensqualität. Kennen Sie das gerontologische Altersparadox?

Studien zeigen, dass die Zufriedenheit im Leben im Alter zwischen 40 und 60 Jahren am tiefsten ist. Danach nimmt die Zufriedenheit massiv zu und hält bis gegen 80 an. Das zeigt, betagte Menschen haben die Fähigkeit, selbst unter erschwerten Lebensumständen zufrieden zu sein. Sie entwickeln eine Lebenskunst, die der der Jüngeren überlegen ist.

Inwiefern?

Alte Menschen lernen, ihre Erwartungshaltung realistisch anzupassen und den Moment intensiver zu geniessen. Sie freuen sich über die kleinen Dinge. Früher musste es ein aussergewöhnliches und gewaltiges Erlebnis sein. Eine Tochter, deren Vater im Rollstuhl sass, kam von einem Spaziergang zurück und erklärte mir, so habe sie ihren Vater noch nie erlebt. Er habe ihr ein gelbes Blümchen gezeigt und gesagt, wie schön dieses sei. Das war früher unvorstellbar. Ihr Vater war Professor. Nach dem Essen zog er sich hinter seine Bücher zurück. Die Wissenschaft bedeutete ihm alles.

So hat die vierte Lebensphase ihre positiven Seiten?

Unbedingt, man muss sich jedoch auf sie einlassen. Viele glauben, Alter bedeute Stillstand und Abbau. Das ist falsch. Das Leben ist Entwicklung, auch im Alter. Jede Lebensphase hat ihr Potenzial, das man ausschöpfen sollte. Wenn man die richtige Haltung entwickelt, gibt es einiges zu entdecken.

Was meinen Sie?

Die innere Freiheit etwa. Man muss keinem mehr etwas beweisen. Auch sich selbst nicht. Man weiss jetzt besser, wer man ist und man kann gegenüber dem Leben eine tiefe Achtsamkeit und Dankbarkeit entwickeln. Man wird vielleicht lebenssatt, gerade weil man um die Endlichkeit weiss. Hermann Hesse hat von der kontemplativen Lebenshaltung des Alters gesprochen.

Trotzdem ist man im hohen Alter mehr und mehr eingeschränkt.

Ja. Dafür lebt man stärker im blos-sen Sein. Manche erfahren einen neuen Zugang zur passiven Seite des Lebens. Früher war man eine Macherin, die die Welt erobern und verändern wollte. Im Alter entdeckt man, wie einem das Leben die Bälle zuspielt. Die Herausforderung besteht darin, diesen Ball anzunehmen, auch wenn er uns Krankheiten und Gebrechen zumutet. Durch diese Haltung bekommt das Leben Tiefe und Reife.

Ist das die oft zitierte Altersweisheit?

Befragungen zeigen, dass man im Alter stärker lernt, dass das Leben nicht schwarz und weiss ist. Man wird gelassener und lebt mit dem Bruchstückhaften. Nach dem schwedischen Gerontologen Lars Tornstam entwickeln manche Alten so etwas wie eine veränderte Weltsicht: Sie kreisen nicht narzisstisch nur um sich, sondern erfahren sich eingebettet in den Strang der Generationen, in den Kosmos und in Gott. Indem ich in Gott bin, bin ich mit allem anderen auf dieser Welt verbunden.

Sie sprechen jetzt von den positiven Seiten des hohen Alters. Viele nehmen diese nicht wahr. Warum?

Man fokussiert zu stark auf das, was im Alter nicht mehr möglich ist. Die negative Fixierung lässt kaum Raum für Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche. Alles scheint schlecht und mühselig. Das ist schade, denn es verhindert, sich auf die letzte Lebensphase einzulassen.

So verweigert man, um nicht alt zu wirken, den Rollator und verlässt die Wohnung nicht.

Ja, oder man ist verbittert, kapselt sich ab und wird zum mürrischen und unzufriedenen Alten. Dabei ist das Bedürfnis gross, für die Jüngeren bedeutsam zu sein. Das wäre so einfach, etwa in einem Pflegeheim: Dem Personal, oft weiblich mit Migrationshintergrund, tut es so gut, wenn man respektvoll, dankbar und auf Augenhöhe das Gespräch sucht. So können auch pflegebedürftige Menschen für andere wichtig und bedeutsam sein.

Sie fordern statt Anti-Aging ein Pro-Aging?

Ich appelliere dafür, dass man die Chancen des Alters erkennt und zur Entfaltung kommen lässt.

Und nicht versucht, das Alter zu verdrängen?

Ja. Die Psychiatrie spricht vom Dorian-Gray-Syndrom: Menschen entwickeln nicht die innere Freiheit, bewusst zu altern. Sie klammern sich an die vermeintliche Jugend, versteinern und verhalten sich als 85-Jährige noch wie mit 60.

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 23.10.2017

Zur Person

Heinz Rüegger, Gerontologe und Theologe, wird im nächsten Jahr pensioniert. Er freut sich auf die Freiheit, selber über die Zeit verfügen zu können. Vor vier Jahren stellte man bei ihm einen Tumor im Kopf fest. Er musste operiert werden. Es blieben Behinderungen zurück. Heinz Rüegger hatte panische Angst. Er merkte jedoch, wie er Widerstandskräfte entwickelte und lernte, mit der Angst umzugehen. Das Leben bekam einen Tiefgang, den es vorher nicht hatte.

Er lebe heute intensiver, sagt Rüegger. Der Umgang mit der Krankheit gebe ihm das Gefühl, er könne auch das im Alter auf ihn Zukommende bewältigen. In der Verletzlichkeit habe er eine Dimension kennengelernt, die ihm zuvor so nicht bewusst war. Die Leute sagen zu Rüegger, er habe sich verändert, wirke nicht mehr so selbstsicher. Rüegger weiss heute um seine Fragilität und Endlichkeit. «Für mein Leben ist das ein Gewinn», sagt er. Er weiss: «Man kann das Leben nicht im Griff haben, dazu ist es zu lebendig und mächtig. Man muss sich einfach darauf einlassen.»