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Kirche

Lernen, mit dem Herzen zu sehen

06.11.2017
Mit Wort, Musik und Gesang ist am Reformationssonntag in Glarus das Jubiläum «500 Jahre Reformation» gefeiert worden. Kirchenratspräsident Ulrich Knoepfel plädierte für mehr seelischen Kontakt zu den grundlegenden Glaubensinhalten und für eine bekennendere Kirche.

Ganz persönlich begrüssen ein grosses Pfarrteam, der kantonale Kirchenrat der Evangelisch-Reformierten Landeskirche und Synodepräsident Hans Thomann die grosse Gemeinschaft, die sich zum kantonalen Jubiläumsgottesdienst in der Stadtkirche Glarus eingefunden hat. In allen Kantonen wird der Jubiläumsgottesdienst mit denselben Gebeten, Lesungen und Gesängen gefeiert – «ein Zeichen unserer Verbundenheit und Zusammengehörigkeit», wie Pfarrer Sebastian Doll betont. Auch der katholische Dekan Harald Eichhorn ist mit dabei und würdigt in seinem Grusswort die Ökumene im Kanton Glarus, die sich «auf gutem Weg» befinde.

«Wir haben Grund zum Feiern und unseren Vorfahren dankbar zu sein», sagt Pfarrer Christoph Schneider. Die Reformation habe in Kirche und Staat, in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu Umwälzungen geführt, auf die wir stolz sein dürften: «Ohne Reformation sähe unsere Lebenswelt anders aus.» Der Wunsch, die Kirche von innen her zu erneuern, habe aber auch Leid verursacht.

«Unverklemmt Glaubensdinge auf den Tisch bringen»

Pointierte Aussagen macht Pfarrer Ulrich Knoepfel in seiner lebendigen Predigt. Ausgehend von der «Geschichte vom Korb mit den wunderbaren Sachen» blickt er vorwärts auf eine geistliche «Reformation», welcher die Kirche heute dringend bedürfe. «Die Menschen haben das Interesse an der Kirche verloren, sie wenden sich ab», so der reformierte Kirchenratspräsident. Die Kirche müsse «schlicht und ergreifend sagen, was sie glaubt, plausibel und überzeugend».

Das sei nicht einfach im heutzutage oberflächlichen und schnelllebigen Zeitgeist. «Der Mensch verliert den Kontakt zu seiner eigenen Mitte, zu seinen Gefühlen. Er ist sich selbst entfremdet. Es droht das Burnout.» Diese Selbstentfremdung sei dafür verantwortlich, «dass wir den Zugang zu unseren eigenen seelischen Wurzeln, zu unserer Innenwelt verloren haben». Damit seien wir aber auch abgetrennt von unserer eigenen Glaubensdimension. «Mit dem Herzen zu sehen, das müssen wir lernen.»

Ulrich Knoepfel plädiert für eine bekennendere Kirche – gegen das Religionstabu. «Die Kirche braucht Männer und Frauen und auch Kinder, die zeigen, dass sie zu ihr stehen und die über ihren Glauben auch etwas sagen können.» Es müsse in unserer Gesellschaft wieder möglich sein, «unverklemmt und ohne rot zu werden Glaubensdinge auf den Tisch zu bringen». Ein Ansatz zur Religiosität sei bei allen da.

«So lade ich Sie zur Reformation ein als Einzelne und als Kirchengemeinschaft: Suchen wir den seelischen Kontakt zu unseren grundlegenden Glaubensinhalten, Gefühlen und Symbolen. Wagen wir es, mit anderen Menschen davon zu reden. So halten wir Christus in unseren Herzen heilig.»

Gemeinsame Teilete und Lesung

Lara Schaffner an der Orgel, Sopranistin Margrit Gnos und die Kantorei Niederurnen unter Leitung von David Kobelt bereichern den zweistündigen Festgottesdienst musikalisch. Im Anschluss daran gibt es eine Teilete: Jede Kirchgemeinde im Kanton hat etwas dazu beigesteuert.

Viele verweilen noch länger in der gastlichen Stadtkirche oder begeben sich ins nahegelegene Kirchgemeindehaus, wo Alfonso Hophan aus seinem Buch «Die Chronik des Balthasar Hauser» liest. Beide Angebote bilden einen schönen Schluss eines schönen Gottesdienstes!

Madeleine Kuhn-Baer, Medienbeauftragte