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Gesellschaft

Wellness und weisse Weihnacht

Immer mehr Menschen feiern Weihnachten nicht mehr zu Hause oder in der Kirche. Sie befürchten, dass der Heilige Abend unheilig endet, oder fühlen sich nicht angesprochen. Hotels springen mit Angeboten ein. Der Tourismus-Pfarrer Michael Landwehr sieht Chancen – für Kirchen in Urlaubsregionen wie im «Unterland».

Weihnachten bedeutet für viele Stress. Es beginnt schon beim Besorgen der Geschenke. Und der Gedanke, ausgerechnet an Weihnachten allein zu sein, zerreisst vielen das Herz. Mit der Verwandtschaft feiern ist manchmal auch nicht alles: Nicht selten endet ein Familienfest am Heiligen Abend ziemlich unheilig.

Verwöhnen lassen
Deshalb nehmen sich immer mehr Menschen über Weihnachten eine Auszeit. Abschalten, sich verwöhnen lassen, nichts tun. Wenn möglich an einem anderen Ort. Caroline Spatz vom Wellnesshotel Golf Panorama in Lipperswil bestätigt: «Wir verzeichnen einen starken Anstieg der Nachfrage in der Advents- und Weihnachtszeit. Viele wollen während dieser Zeit nicht einkaufen geschweige denn kochen und lassen sich deshalb bei uns verwöhnen.» Ihre Gäste sind Familien, Paare und Singles vorwiegend aus Zürich, der Innerschweiz und Bern. Auch das Sunstar Alpine Hotel in Davos kann sich über eine mangelnde Gästeschar über Weihnachten nicht beklagen. «Viele Pensionierte, ältere Ehepaare und Familien verbringen bei uns die Festtage», sagt Bettina Salzmann. Die junge Frau absolviert zurzeit im Davoser Hotel ihr drittes Lehrjahr als Tourismus-Kauffrau. «Viele wollen Weihnachten nicht alleine feiern und suchen deshalb bei uns Gesellschaft», sagt sie. Und noch ein weiterer Grund lockt die Leute nach Davos: «Weisse Weihnachten gibt es im Unterland eher selten, in Davos aber liegt zu dieser Zeit immer Schnee.»

Feierliche Angebote
Die Leute schätzen vor allem das klassische Weihnachtsangebot. Nicht jeder, der sich über die Festtage eine Auszeit nimmt, flieht vor dem christlichen Weihnachtsfest. Jürg Zürcher, Regionalleiter Graubünden/Tessin der Sunstar-Hotelkette, bestätigt eine steigende Anzahl von Gästen, welche die Festtage im Hotel verbringen wollen. Die Nachfrage an Weihnachten sei sehr gut. Zum Angebot der Hotels gehören – neben festlichen Mahlzeiten – Geschichten zum Advent, begleitete Winterwanderungen, Theater- und Konzertaufführungen sowie – als Höhepunkt – eine Weihnachtsfeier auf traditionelle Art mit Weihnachtsliedern und der Lesung der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium.

Kirchgemeinden bieten viel
Nun können sich bei weitem nicht alle einen mehrtägigen Aufenthalt in einem Hotel leisten, vor allem ältere Alleinstehende und Alleinerziehende nicht. Für sie bieten viele Kirchgemeinden Weihnachtsfeiern an. Was aber ist heute wirklich gefragt? Einer, der es wissen muss, was eine Auszeit zu Weihnachten – ob in den Bergen oder zu Hause – bedeuten kann, ist Michael Landwehr: Er ist Pfarrer im bündnerischen Samedan und Präsident der Kommission Kirche und Tourismus des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Er ist mit vielen Tourismusdirektoren auf Tuchfühlung und berät Destinationen und Hotels. Der gebürtige Deutsche hat während seinen früheren Ferienaufenthalten mit seinen Eltern die Liebe für die Schweizer Berge entwickelt und weiss, dass sich viele Menschen gerade an Weihnachten von der Bergidylle mit Schnee angezogen fühlen: «Dahinter steckt die tiefe Sehnsucht des Menschen nach einem ruhenden, friedvollen Pol.» Die Strahlkraft des Festes der Liebe spreche auch Leute an, die nicht bewusst im christlichen Glauben verwurzelt sind: «Es ist der Wunsch spirituell aufzutanken, der Wunsch nach heilsamen Unterbrechungen. Danach sehnen sich eigentlich alle.» Dahinter stecke mitunter auch das Selbstverständnis des schweizerischen Lebensgefühls, ein Stück Heimat: «Die bergige Verwurzelung, das Urchige der Schweiz zeigt sich in den Bergen, nicht an der Zürcher Bahnhofstrasse.»

Neue Formen wagen
Was aber rät der Tourismus-Pfarrer den Kirchen im «Unterland»? Er sieht gerade für Weihnachtsgottesdienste gute Chancen, um überraschende, neue Formen zu wagen. Es gehe darum, den Gottesdienstbesuchern Inspiration zu geben: «Die gute Botschaft weitergeben und nicht anbiedern.» Es gehe nicht primär darum, die Leute in die Kirche zu bringen: «Appelle fruchten nichts. Vielmehr sollen die Menschen spüren, dass der Glaube die eigenen Sehnsüchte stillen kann. Deshalb ist die Kirche gut beraten, zeitgemässe Formen zu wählen. Es ist eine Riesenchance, schweizweit mit fröhlichem Mut und neuen Angeboten voranzugehen. Die Menschen dürfen merken, dass das etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Wenn wir das schaffen, ergeben sich gute, neue Zugänge.»

Esther Simon, Roman Salzmann, kirchenbote-online, 12. Dezember 2017