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Gesellschaft

Shlomo Graber – Vergeben, aber kein Vergessen

Shlomo Graber erlebte als Jugendlicher das Sterben in Auschwitz. Trotzdem will sich der 92-Jährige nicht vom Hass leiten lassen, sondern der jungen Generation von dieser Zeit berichten.

«Ein Etwas starrte mich an, ein Etwas, das aussah wie ein Dämon, totenbleich und mit aufgerissenem Mund. ‘Nein, das bin ich nicht’, schoss es mir durch den Kopf.» Shlomo Graber, damals 18 Jahre alt, war dem Tod nahe, einmal mehr. 1941 wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert, dann nach Fünfteichen verlegt, jetzt war er im Konzentrationslager Görlitz: ausgehungert, geschwächt, von den Nazis gedemütigt und misshandelt. «Ihr seid keine Menschen, ihr habt keine Namen mehr, nur noch eine Nummer», sei die Devise der SS-Offiziere in den KZs gewesen. Ganz bewusst wurden die Häftlinge entmenschlicht, aus Jemand wurde ein Etwas gemacht – ganz so, als fiele den Tätern das Foltern leichter, wenn die Opfer keine Ähnlichkeiten mit ihren Peinigern haben.

Wie aus der Welt gerissen

Shlomo Graber kam 1926 in den tschechoslowakischen Karpaten zur Welt und siedelte fünf Jahre später nach Ungarn über, wo sein Vater, ein streng religiöser Jude, ein Uhrengeschäft führte. Nach Hitlers Machtübernahme aberkannte die ungarische Regierung der Familie Graber jedoch die Staatsbürgerschaft. Der Vater verlor seine Arbeit und Shlomo Graber musste sich fortan mit den Eltern und seinen drei jüngeren Geschwistern vor der ungarischen Polizei verstecken. 1941 wurden die Grabers nach Auschwitz deportiert – wie für viele andere, die den Holocaust überlebten, ein traumatisches Erlebnis. Herrschte kurz zuvor in deren Leben noch Normalität, war auf einmal alles «unbegreiflich und irrsinnig», wie der italienische Schriftsteller Primo Levi die Ankunft in Auschwitz beschrieb.

Als besonders schlimm erlebten viele Überlebenden den Transport – so auch Shlomo Graber: «Wir wurden in Viehwagen verladen, waren voller Angst, doch niemand von uns konnte sich ein Bild von der bevorstehenden Hölle machen». Von da an bis zu seiner Befreiung im Mai 1945 erlebte Graber schier Unsägliches. Am Ende sollte nur er und sein Vater überleben. Die beiden Brüder, seine Schwester und die Mutter wurden – was er während der gesamten Haft nicht wusste – schon kurz nach ihrer Ankunft in Auschwitz vergast. Der Augenblick, in dem sie einander entrissen wurden ohne ein Wort des Abschieds, sollte der junge Shlomo nie wieder vergessen können. Nach dem Krieg wanderte Graber in den neu gegründeten Staat Israel aus, er diente in der Armee, gründete eine Familie und wurde ein strammer Zionist, der er bis heute geblieben ist. Seine Arbeit als Elektroartikelvertreter führte ihn immer wieder nach Europa, so auch in die Schweiz, wo er Myrtha Hunziker kennenlernte. Seit 1989 lebt der inzwischen 92-jährige Shlomo Graber mit ihr zusammen in Basel. Dort betreiben sie, die Schmuckmacherin, und er, der Kunstmaler, eine Galerie.

Verzeihen statt hassen

Als Shlomo Graber zum Kriegsende befreit wurde, wusste er: «Ich will kein Mitleid, ich will leben wie alle anderen.» Was für ihn zunächst hiess, nicht über das Überlebte zu sprechen. Der Entscheid, das Unsagbare niederzuschreiben, fiel erst Jahrzehnte später. «Ich musste mich zurückversetzen in diese Zeit, das war sehr belastend.» Für Graber aber gehörte dieser Prozess auch zum Vermächtnis seiner Mutter, die ihm kurz vor ihrem Tod sagte: «Lass keinen Hass in dein Herz.»

Dass Graber sich dafür entschieden hat, seinen Peinigern zu verzeihen statt sie zu hassen, hat für ihn nicht Religiöses. Den Glauben, sagt er, habe er in Auschwitz verloren. Als einmal jemand zu ihm sagte, Gott hätte doch sein Leben gerettet, meinte Graber, dann müsse es zwei wohl zwei Götter geben –einer, der sein Leben gerettet habe, und einer, der seine Familie vernichtete– , und er fragte: «An welchen Gott soll ich nun glauben?» Auch bedeutet vergeben für Shlomo Graber nicht vergessen. Im Gegenteil, mit seinen inzwischen zahlreichen Schriften und Vorträgen will er ein persönliches Zeugnis ablegen von all diesem unmenschlichen Grauen, das wir nie aus den Augen verlieren dürfen, wie Graber betont. «Denn das wäre sehr gefährlich.»

Klaus Petrus, kirchenbote-online.ch



 

Shlomo Graber hat seine Jugenderinnerungen niedergeschrieben in: «Der Junge, der nicht hassen wollte», Riverfield Verlag 2017, 19.90 Franken

 

Ausstellung: The-last-swiss-holocaust-survivors.ch, 16. März bis 20. Mai 2018 in Aarau