Logo
Religionen

Seelsorge für alle

Der Kanton Zürich will, dass auch die muslimische Bevölkerung in Krisensituationen Beistand bekommt. Zusammen mit der «Vereinigung der muslimischen Organisationen in Zürich», kurz VIOZ, lanciert er dafür ein Seelsorgeprojekt. Die Kirchen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Immer häufiger betreuen christliche Seelsorger und Seelsorgerinnen in Spitälern und bei Einsätzen der Blaulichtorganisationen auch Menschen mit muslimischen Hintergrund. Wenn nötig rufen sie Imame hinzu, die sich dann ehrenamtlich engagieren, wenn sie überhaupt die Zeit finden. Der Kanton wolle diese Lücke jetzt schliessen und eine tragfähige muslimische Seelsorge aufbauen, gab Jacqueline Fehr, Direktorin des Departements der Justiz und des Innern an einer Medieninformation bekannt. «Wir leisten hier Pionierarbeit», fügte die Religionsministerin hinzu.

Das Pionierprojekt gründet nicht auf Sand, sondern auf strategischen Überlegungen. Der Zürcher Regierungsrat hat sich Ende letztes Jahr in seinen Leitsätzen zum Verhältnis zwischen Staat und Religion für eine verbindliche Zusammenarbeit mit nicht-anerkannten Religionsgemeinschaften ausgesprochen. Fast zeitgleich verabschiedete der Bund den nationalen Aktionsplan gegen Terrorismus, in dem er die Kantone unter anderem auffordert, die Aus- und Weiterbildung von Seelsorgenden nicht-anerkannter Religionsgemeinschaften zu ermöglichen.

Gemeinsame Trägerschaft
Für die «Muslimische Spital- und Notfallseelsorge» haben Kanton und VIOZ eine gemeinsame Trägerschaft gegründet. Das Pilotprojekt läuft bis 2019 und der Kanton Zürich finanziert es schon seit letztem Jahr und vorerst bis Ende 2018 mit 325'000 Franken. Davon werden 125'000 Franken für die Weiterbildung verwendet. Auch die VIOZ engagiert sich mit 60'000 Franken. Jährlich 25'000 Franken steuert zudem die katholische Kirche bei.

Die Trägerschaft wird präsidiert von Deniz Yüksel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Direktion der Justiz und des Innern. Geschäftsführer ist Muris Begovic, ehemaliger stellvertretender Imam der bosnischen Moschee in Schlieren. Er wird die Inhalte der Ausbildung mitkonzipieren, die Praktika organisieren und schon mal anfangen, nach künftigen Finanzquellen zu suchen. Und bis mehr Leute zur Verfügung stehen, ist er der muslimische Seelsorger auf Abruf.

Wichtige Lehren
Begovic hat schon das Vorgängerprojekt «Muslimische Notfallseelsorge» geleitet, das mit Geld aus dem Lotteriefonds finanziert wurde und das die VIOZ weitgehend allen aufgleiste. Als sich unter den Kursteilnehmern ein Mitglied des berüchtigten Islamischen Zentralrats fand, zog der Kanton sofort die Notbremse und stoppte das Projekt vorerst. Das war 2015. Die Kirchen vermittelten und arbeiten seither intensiv mit an professionellen Grundlagen für die muslimische Seelsorge. Alle haben aus den ersten Erfahrungen gelernt.

Theorie und Praxis
Im Zentrum des neuen Projekts steht die Ausbildung. Das «Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft» (SZIG) der Universität Freiburg wurde beauftragt, eine massgeschneiderte Weiterbildung zu konzipieren. Dabei wird das Institut unterstützt von Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich. Sein Lehrstuhl wird von den Landeskirchen finanziert.

Rund zehn Frauen und Männer sollen für den muslimischen Seelsorge-Pool ausgebildet werden und ab 2019 auf Abruf bereitstehen. Die öffentliche Ausschreibung für die Ausbildungsplätze erfolgt nächstens.

Imame müssen die Bewerber und Bewerberinnen nicht sein. Deniz Yüksel umschreibt das Wunschprofil: Theologisch gebildet, aktiv in einem muslimischen Verein, erfahren in Betreuungsarbeit, fähig zur Selbstreflexion und zur interreligiösen Zusammenarbeit.

Die Kandidatinnen und Kandidaten müssen auch bereit sein, sich komplett durchleuchten zu lassen. In der neuen Trägerschaft ist der Kanton für die Sicherheitsüberprüfung zuständig. Das mehrstufige Verfahren beinhaltet unter anderem einen umfassenden Check durch die Kantonspolizei und eine psychologische Persönlichkeitsbeurteilung.

Kirchen als Lehrmeister
Die Weiterbildung am SZIG in Freiburg soll acht Ausbildungstage und eine Abschlussarbeit beinhalten. Das ist auf den ersten Blick wenig. Doch der wesentlichste Teil der Ausbildung ist ein Praktikum. Hier kommen die reformierte und katholische Landeskirche ins Spiel, die sich in einer Begleitkommission für das Projekt engagieren. Sie steuern in der Kommission nicht nur ihr Fachwissen zur Seelsorge bei, sondern sie werden auch die «Lehrstellen» ermöglichen. Im Praktikum begleiten die erfahrenen christlichen Seelsorgeteams die Auszubildenden bei ihren Einsätzen und lassen sie an ihren Supervisionen teilhaben.

Ziel ist, dass die VIOZ das Projekt ab 2020 selbständig führt und finanziert. Ob dies gelingt ohne öffentlich-rechtliche Anerkennung und entsprechende Steuereinnahmen wird sich zeigen.

Christa Amstutz, reformiert.info, 23. Februar 2018